Sieben Tage in Utopia: Reisebericht

Im Herbst 2012 brach ich zu einer Reise in die Vergangenheit auf. Meine Familie lud mich (+1) zu einem Urlaub in das Dorf in Südnorwegen ein, in dem ich sämtliche Ferien meiner Kindheit verbracht habe. Seit jeher habe ich diesen Ort in meinen Gedanken zu einer Kultstätte mystifiziert. Wenn ich meine und Augen schließe und trotzdem nicht schlafen kann, denke ich an diesen Ort. Würde mich jemand nach dem perfekten Platz fragen, ich wüsste, was ich antwortete. Sieben Tage auf Kosten der Dynastie? Ob ich einfach so in der Uni fehlen könne? Sicher.

Das hier sind nun meine Erlebnisse aus sieben Tagen in meinem Utopia.  


Samstag:

Oh Gott, dieses frühe Aufwachen: 04:00 Uhr. Ich bin immer so aufgeregt, bevor eine Reise beginnt. Irgendwann gegen 01:00 Uhr konnte ich endlich einschlafen. Das reichte bei Weitem nicht, nein. Die Nacht war noch schwarz, als ich schweigend ein Brötchen mit Schokocreme aß und ins Leere starrte, während meine attraktive Reisebegleitung die letzten Sachen zusammensuchte, von denen sie glaubte, dass wir sie brauchen würden. Minusgrade, aber wenigstens sind die Scheiben nicht vereist, als wir uns mit zittrigen Schritten dem Auto aus der Dunkelheit nähern. Es ist so verfickt kalt. Vor uns liegen erst einmal fünf Stunden Fahrt quer durch Dänemark, bis zum Hafen an der Nordküste des Landes. Die Straßen sind noch leer, der Tag noch fern. Ich quäle mich zu einer Unterhaltung, um sicherzugehen, dass sie nicht einschläft während der Fahrt - schließlich würde das unseren Tod bedeuten. Mein Leben als Beifahrer.

Nach weniger als einer Stunde erreichen wir die dänische Grenze. Tankstellen und Raststätten fliegen an uns vorbei und verschwinden immer wieder in der Nacht, welche ja bekanntlich am dunkelsten vor der Dämmerung ist. Ich frage mich, zum wievielten Mal ich auf der E45 unterwegs bin. Ich schätze, inzwischen würde ich den Weg auch ohne Navi und Karte finden. Nach zwei Stunden erreichen wir Vejle, über dessen richtige Aussprache ein reger Diskurs in meiner Familie herrscht. Meine Großeltern sind starke Verfechter der "Vechle"-Variante, während meine Eltern die "Vellje"-Theorie propagieren. Beide haben unrecht. Es ist "Veihle", würd' ich sagen. Egal. Der Weg über den Vejlefjord führt über eine große Hochbrücke, die einen passablen Ausblick auf Stadt und Bucht bietet. Die Sonne beginnt vorsichtig am Himmel zu dämmern, als hätte sie nur auf diesen Moment gewartet, um der Kulisse angemessen zu erscheinen.
Vejlefjord
Dänemark ist und bleibt ein Durchfahrtsland für mich. Das Licht greift nun nach und nach um sich und der Morgen wird zum Tag, während die Müdigkeit in unseren Gliedern langsam verblasst. Aus dem Radio brüllt mir Marcus Mumford irgendeinen religiösen Kram entgegen, was mein rechtes Bein dazu veranlasst, ebenfalls den Schlag der Basedrum in den Fußraum zu stampfen. Meine Hoffnungen, dass die Temperaturen mit Erscheinen des Tages in die Höhe schnellen würden, verdampfen allmählich. Aus Regen wird Schnee, aus Schnee wird Sturm - je näher wir nach Norden vordringen und uns dem Meer nähern.
E45
Das Telefon klingelt, und mein Vater brüllt in mein Ohr. Ich hasse Freisprechanlagen. Ja, ich verstehe, dass sie nützlich sind, aber sie bringen die Fahrer immer dazu, so absurd laut zu schreien.

"Søndergade 20! Da ist 'ne Shell! Da treffen wir uns! Søndergade 20! Hast du das?"
"Ja, das heißt Südstraße, glaube ich. Ich geb's ins Navi ein."
"Klugscheißer, wo seid ihr? Seid ihr eher da?", blafft er zurück.

Mein Vater ist das, was man gemeinhin als routinierten Berufsfahrer bezeichnen würde. Die Baustellen, auf denen er arbeitet, sind nicht nur über ganz Deutschland, sondern auch über weite Teile Skandinaviens verteilt. Ich war ehrlich gesagt überrascht, dass er uns noch nicht eingeholt hatte. Doch die drei weiteren Personen im Auto, vor allem wohl aber die Anwesenheit meiner Großeltern, bremste die Gewalt seines VW's wohl buchstäblich ein wenig aus. Wir erreichen tatsächlich vor dem Rest meiner Familie Hirtshals, die letzte, hässliche Bastion Zentraleuropas. Noch einmal volltanken, rauchen und pinkeln, bevor wir uns zum Terminal der Fähre aufmachen. Nach kurzer Zeit trifft auch der Rest der Waltons ein. Die sechsstündige Autofahrt scheint Spuren bei den älteren Generationen hinterlassen zu haben: Aufgeregt quasseln alle wild durcheinander, als sie die Autotüren öffnen und ihre Beine strecken. Ich werde dreimal hintereinander umarmt - nur mein Großvater gibt mir die Hand.

Gigantische Wellen peitschen gegen die Hafenmauer. Mir zieht sich der Magen zusammen. Wir reihen uns in die Schlange ein. "Lane seventeen", ruft ein Mitarbeiter der Fährgesellschaft in das offene Fahrerfenster und macht eine Bewegung mit seiner Hand, die uns offensichtlich zum Weiterfahren bringen soll. Ich erinnere mich, dass sich hier früher Unmengen deutscher Touristen aufhielten - aber das war auch im Sommer. Jetzt sehe ich nur skandinavische und osteuropäische Nummernschilder.

Als wir aussteigen, klopft in der Reihe neben uns ein Mann an die Innenscheibe eines VW-Busses. Er winkt meine Begleitung zu sich heran und bittet in gebrochenem Englisch um die Uhrzeit. Ich verfolge misstrauisch das Geschehen. Die Fähre wird erst in einer Stunde ablegen, was bei allen - außer mir - den Wunsch aufkeimen lässt, im Terminal zu frühstücken. Mir wird fast schlecht, als fast jedes der Mitglieder meiner Familie ein Ei köpft. Der Geruch steigt in meine Nase und weckt eine Übelkeit, mit der ich eigentlich erst auf dem Meer gerechnet hatte. Mein Frühstück besteht aus Reisetabletten und bösen Vorahnungen. Wellen brechen in der schwarzen See.

"Warum trägst du die Mütze nicht richtig 'rum?", fragt mein Vater, als ich vom Tisch aufstehe, um dem Geruch der Frühstückseier zu entfliehen und eine Zigarette rauchen zu gehen. Ich trage die schwarze Wintermütze immer mit dem Etikett nach hinten - weil ich kein Idiot bin.
"Ich muss doch keine Werbung für Eure Firma machen. Du arbeitest doch dort, nicht ich."
"Aber du lebst von dem Geld, oder nicht?"

Ich gehe wortlos weiter. Eine Durchsage ertönt: Alle Passagiere mögen sich bitte bei ihren Fahrzeugen einfinden. Als wir wieder im Auto sitzen, kehrt auch der Pole, der sich vorhin die Uhrzeit erbeten hatte, zurück. Er grient durch unsere Frontscheibe und winkt meiner Begleitung, als wäre sie eine verschissene Nutte und er ein wohlhabender Gönner. Doch die Verhältnisse sind umgekehrt, du Arschloch. Sie sieht weg, während ich ihm einen Blick zuwerfe, der ihm verdeutlicht, was ich von ihm halte. Ich lege allen Zorn dieser Welt in meine Augen. Er erwidert kurz meinen Blick, hält ihm jedoch nicht stand, und steigt zurück in sein beschissenes Ausbeuter-Frachttaxi. Ich zwinge meinen Verstand zur Vernunft und beherrsche mich, während ich in Gedanken Hasstiraden und Beschimpfungen auf Englisch formuliere. Meine Lippen bleiben geschlossen. Ich lege mein Seekrankheitsarmband um und werfe einen Reisekaugummi ein. Wir verschwinden im Bauch des Schiffes.

Als wir einen Platz finden, und mein Vater und mein Großvater jeweils eine Dose Bier öffnen (die Deutschen sind da), werfe ich eine Vomacur ein. Ein letzter Gang auf Deck, und ich verabschiede mich vom geliebten Festland. Ja, Fontane, "Gischt schäumt um den Bug wie Flocken von Schnee". Die Medikamente, das frühe Aufstehen, der wenige Schlaf; all das weckt in mir eine tiefe, erkaufte Müdigkeit. Ich versinke dankbar in nebligen Schlaf.

Ein Handy? Musik? Ein Videospiel? Ich öffne die Augen. Ich habe auf meine Hand gesabbert. Mein Kopf schwebt in den Wolken. Woher kommt diese laute Scheißmusik? Ein dickes, asiatisches Kind macht unglaublichen Lärm mit einem Tablet-PC, ungefähr fünf Meter von meinem Kopf entfernt. Ich beschimpfe ihn in meiner herzerwärmenden Muttersprache, was ihn wahrscheinlich unheilvoll an den Geschichtsunterricht erinnert. Sein Vater ermahnt ihn, die Musik abzustellen. Zumindest glaube ich, dass er das tut. Wieder Ruhe. Ich falle zurück in dunklen Schlaf.

Meine Begleitung rüttelt an meinem Fuß. Das Schiff läuft in den Hafen von Kristiansand ein. Meine Familie stürmt an Deck, um den, zugegebener Maßen, schönen Anblick der zerklüfteten Bucht Kristiansands zu begutachten. Ich bleibe sitzen. Das Wachwerden fällt mir schwer und ich starre die Wand an. Als ich zu mir komme, fahren wir bereits vom Schiff herunter.

Aufregung. Wie viel Alkohol darf man mit sich führen? Wie viele Zigaretten? Ich habe es vergessen. Der Zoll ist streng in Norwegen. Fusel, Kippen und Lebensmittel kosten hier ein Vermögen. Ich wurde noch nie angehalten, aber man weiß ja nie. Das Auto meiner Eltern passiert problemlos die Zollbeamten, doch als wir an der Reihe sind, werden wir zur Seite gewunken. Der Beamte ist kaum älter als ich und redet irgendwas auf Norwegisch. Hat der Idiot nicht unser Kennzeichen gesehen?

"I didn't understand what you just said. We're German", entgegne ich ihm. Ich strenge mich an, meine Stimme nicht brechen zu lassen.
"Okay, what are your plans in Norway?"
"Vacation. We're on a seven-day-vactiontrip with our family", antworte ich musterknabenmäßig.
"So where are you going?" - der alte Fuchs.
"Lista, Farsund", entgegne ich, halb als Antwort, halb als Gegenfrage.

Ohne uns eines weiteren Wortes zu würdigen, tritt er zwei Schritte zurück, um uns schließlich doch durchzuwinken. Puh. Die Sonne hat bereits ihren Rückweg begonnen und hüllt die Bergkulisse in ein Postkarten-Licht. Noch ungefähr zwei Stunden Fahrt, dann dürften wir es geschafft haben.
Die Gegend um Mandal
      
Mit jedem Kilometer wird mir die Gegend vertrauter. Farsund. Kurz vorm Ziel. Die sich senkende Sonne erweckt den tückischen Eindruck, es sei draußen warm, doch die Temperaturen bewegen sich noch immer unter 0°C. Von hier an kenne ich jeden Baum, jeden Stein und jeden Tropfen Wasser. Selig blicke ich aus dem Beifahrerfenster, als wäre ich gerade erst ins Auto gestiegen.
Home is where the heart is
Ich schalte das Navigationssystem ab und verstaue es im Handschuhfach. Ich kenne den Weg. Man nähert sich dem kleinen Dorf von einem Berg. Die Sonne versinkt im Ozean, als ich unwillkürlich lächeln muss, weil ich wieder hier bin. Der Leuchtturm, die Felder, der Wald, das Meer, alles ist an seinem Platz.

"Alexander, ein erwachsener Mann geworden", sagt die Vermieterin, als sie mich mit ihrem sympathischen Akzent begrüßt. Ja, die Jahre vergehen. 2008 war ich zuletzt hier. Sie kennt mich jedoch, seitdem ich acht war. Sie bittet uns herein. Alle begrüßen sich überschwänglich. Sofort beginnen meine Eltern ebenfalls gebrochen Deutsch zu sprechen. Das ist eine merkwürdige Angewohnheit. Waffeln werden extra gemacht. Ein Abwinken nützt da nichts - hat es auch noch nie. Und schon sitze ich, drei Waffeln im Magen, eine Tasse Kaffee vor mir, und bin wieder zehn Jahre alt. Meine Karriere verlaufe relativ unspektakulär. Es gehe uns allen gut. Sie zeigt uns eine Briefmarke, deren Motiv ihre Tochter ist (!). Sie ist Wissenschaftlerin in Stavanger. Mein Vater grient mich an: "Wo ist deine Briefmarke, Herr Wissenschaftler?"

In unserm Haus ist es bitterkalt. Seit Wochen müssen keine Urlauber hier gewesen sein. Eine klirrende Kälte ist in jede Diele, in jeden Balken gezogen. Der Kamin wird angeheizt und auf einmal ist es tatsächlich wie bei den Waltons.
Nach kurzer Zeit merke ich, wie wenig ich inzwischen noch daran gewöhnt bin, so viel Zeit mit meiner Familie zu verbringen, vor allem im Urlaub. Ob das gut geht? Die Nacht ist so schwarz, dass ich nicht einmal das Meer sehen kann. Müdigkeit überfällt mich, und während ich oben in meinem Zimmer liege und den Geräuschen des Hauses lausche, wird mir bewusst, dass ich tatsächlich zurück bin.

Sonntag:

Wo zur Hölle bin ich? Es dauert ein wenig, bis ich die Umgebung erkenne. Schritte auf einer Treppe. Ich greife zu meiner Armbanduhr. Eiskristalle haben sich unter dem Glas des Ziffernblattes gebildet. Es ist kalt. Sehr kalt. 07:30 Uhr. Das kann doch nicht mein Ernst sein. Das reichhaltige Frühstück im Kreise der gesamten Dynastie ist laut, lauter als erwartet, und irgendwie fast zu laut - aber wirklich vielfältig. Ich erkundige mich trotzdem nach Rührei und gebratenem Speck und kassiere böse Blicke dafür. Vielleicht morgen. Wenigstens gibt es zwei Badezimmer.
Der Blick aus dem Fenster verheißt eine ruhige See; keine Schaumkronen in Sicht, was meinen Vater dazu bringt, sein Frühstück herunterzuschlingen, um so schnell wie nur möglich raus, aufs Meer, zu fahren. Angeln war nie wirklich mein Ding. Ich find' es irgendwie widerlich, die Fische vom Haken zu entfernen. Nicht, weil ich ein unglaublicher Tierfreund bin oder so - ich finde es schlichtweg eklig. Sicher, so cooler Ehrgeizscheiß mit dicken Angeberfischen, da kann ich mich auch für begeistern, aber die Viecher vom Haken nehmen oder gar filetieren, nope. Abgesehen davon muss ich bei leichtem Seegang schon kotzen. Mir reicht es, einmal im Jahr an irgendeinem bescheuerten Bach kleine Plötze zu fangen, und sie anschließend braten zu lassen. Damit befriedige ich meinen Jäger-und-Sammler-Trieb wirklich zu Genüge. Mein Vater ist trotzdem beleidigt, als ich seine Frage, ob ich mit wolle, mit einem Lachen quittiere. Kein Tigerblut in mir.

Ich beschließe hingegen, einen langen Spaziergang nach dem Frühstück einzulegen. Ortsbegehung. Während ich meine Winterkluft anlege, erzählt meine Mutter, dass die, die auf der Fähre am norwegischsten ausgesehen hätten, in ihrer bescheuerten Outdoor-Montur, keine Norweger gewesen seien, sondern einfach alberne Touristen. Manchmal lässt sich unsere Verwandtschaft doch sehr erkennen, in dem, was wir so von uns geben. Doch über mir hängt ein größerer Schatten, denke ich.
Als ich die knarrende Holztür öffne und tief einatme, sticht die kalte Luft in meine Lunge wie ein Speer. Ich ziehe den Reißverschluss meiner Jacke hoch. Die Kälte lässt einen kaum die so typische Landluft wahrnehmen. Ein erster Blick Richtung Wasser beruhigt mich: Man hat damit aufgehört, den Wald weiter abzuholzen. Vor ein paar Jahren, so sagte man mir, seien den Bauern hohe Prämien dafür gezahlt worden, wenn sie die Waldstücke auf ihren Ländereien in der Küstenregion rodeten. Ziel sei es gewesen, die ursprüngliche Landschaft Listas zu rekonstruieren, welche karg und unbewaldet gewesen sei. Der Weg knackt unter meinen Füßen. Wie oft bin ich schon die Strecke hinunter zum kleinen Hafen gelaufen, den ich stets verlassen vorfand?
Ein kurzer Blick zurück auf das weite Land, auf den Stall, auf die Felder, auf die Berge. Ironie lacht mir ins Gesicht: Auf den breiten Bergkämmen, die seit jeher das Panorama meines Utopia bestimmen, wurden Massen von Windkrafträdern errichtet. Irgendwer hat mir mal erzählt, dass Norwegen kein einziges Kohle- oder Atomkraftwerk besäße. Mein eigenes Gerede über nervige Bürgerbewegungen in den Sumpflandschaften Niedersachsens schießt mir in den Kopf, und ich muss schmunzeln. Veränderungen setzen immer Nadelstiche in nostalgische Seelen. Was soll's, dieselben Maßstäbe muss ich auch auf mich anwenden.
Das Panorama Utopias
Als ich den Hafen erreiche, der dieser Bezeichnung eigentlich nur spärlich gerecht werden kann, brüllt mir mein Vater vom Bootsanleger entgegen, dass ich ein Brett aus seinem Auto holen solle. Er braucht eine Stütze für das Echolot. Angler scheinen kein besonderes Ethos zu haben, was das betrifft. Wenn man die Fische bereits von der Wasseroberfläche aus, auf einem kleinen Bildschirm, sieht, ist das Ganze dann nicht irgendwie zu stark vereinfacht? Ich meine, wo bleibt die Kunst der Jagd, Mensch gegen Tier, geduldiges Warten und harter Kampf? Der Fisch hat doch auch kein verschissenes Warnsystem. Ist die Intelligenz des Menschen nicht schon Handicap genug - für den Fisch? Aber mit solchen Überlegungen stoße ich auf Unverständnis und taube Ohren. Bereits, als ich versuchte, ihm zu erklären, dass das Angeln in einem künstlich erschaffenen Karpfenteich genauso sei, als halte man die Route über ein Aquarium und bezahle auch noch Geld dafür, reagierte er verständnislos und sagte, dass ich ein Idiot sei. Ich könnte mir nun wirklich Schöneres vorstellen, als bei dieser Hundskälte allein, in einen gelben, unsinkbaren Overall verpackt, in einem Boot auf dem Meer zu treiben.
Ich sehe dabei zu, wie die Silhouette des weißen Bootes eins wird mit dem Meer, von langgezogenen, schaumlosen Wellen verschlungen. Das Wasser ist nicht mein Terrain. Hier an Land jedoch, mit geschlossenen Augen könnte ich mich hier zurechtfinden, schließlich habe ich hier die Sommer meiner Kindheit verbracht. Am stärksten sind wir in der Erinnerung. Das kleine Holztor neben dem letzten Bootshaus ächzt vertraut, als ich den Verschluss löse, um ins gelobte Land gehen zu können. Wie automatisch finden meine Füße über die unwegsamen Millionen von Steinen, die seit einer Ewigkeit hier liegen. Meine Beine haben nichts verlernt. Ohne hinsehen zu müssen, springe ich von Stein zu Stein und atme in tiefen Zügen die klare, kalte Luft.
Obwohl es gerade einmal Mittag ist, scheint sich der Tag bereits seinem Ende entgegen zu neigen. Es ist nicht ganz so schlimm, wie es im Winter war, wenn bereits gegen 15.00 Uhr die Sonne unterzugehen pflegte, doch rinnt einem die Zeit trotzdem spürbar durch die dünnen Finger. Ich gehe zurück. Die Steine weichen einem dichten Gras, einer ewigen Wiese am Rand des Waldes.
"...einer ewigen Wiese am Rand des Waldes."
Als ich die Tür des Hauses öffne, pralle ich gegen eine Wand aus heißer Kaminluft. Im engen Wohnzimmer herrscht Eintracht. Ich versinke in dieser warmen Umgebung, suche mir einen Platz mit Blick aufs Meer und lese endlich den Wolkenatlas fertig. Der Tag verschwimmt immer mehr, und als die Dunkelheit tatsächlich allgegenwärtig ist, kehrt mein Vater vom Meer zurück. Durchwachsene Ausbeute, das sehe ich bereits in seinem Gesicht, bevor ich einen Blick in den Bottich werfe.

Kohlrouladen und Fernsehen. Wie früher. Leider entscheidet sich die Mehrheit für Indiana Jones und das Königreich des Kristallschädels. Gott, ich hatte diesen Film aus gutem Grund ignoriert. Ich mag die Reihe, aber was zur Hölle ist denn der letzte Teil für ein unglaublicher Scheißfilm? Als würde Shia LaBeouf noch nicht reichen, hat man sich offenbar dafür entschieden, das bekackteste Drehbuch zu nehmen, was auffindbar war. Aliens, Mann? Aliens? Was für eine scheiß Rotze. Ich hätte lieber gelesen und am Kamin gesessen. Noch während der Film läuft, ärgere ich mich über die verschwendete Lebenszeit. Wenn ich so etwas sehe, graut es mir vor der anvisierten Star-Wars-Fortsetzung in drei Jahren.

Als ich im Bett liege, und ich die anderen Generationen im Haus, durch die dünnen Holzwände und Dielen, reden und schnarchen höre, wird eines bittere Gewissheit, düstere Vorahnungen erfüllen sich: Ich werde hier keinen Sex haben.

Montag:

Rührei mit Speck, und das Frühstück ist gar nicht mehr so laut. Der Himmel ist zugezogen, doch die Temperaturen sind gestiegen. Ein starker Wind bläst vom Land auf das Meer und lässt all die vielen Windkrafträder rotieren. Das Essen mit den Waltons finde ich tatsächlich nicht mehr anstrengend. Mein Plan war, jeden Tag früh aufzustehen, um möglichst viel in mich aufzusaugen, also muss ich sowieso damit arrangieren.

Alle wollen in die Stadt fahren - nur ich nicht. Seit Jahrzehnten liebt meine Familie das Softeis in Farsund, einer kleinen Hafenstadt, zwanzig Minuten mit dem Auto entfernt. Ich bin kein Eisfan - schon gar nicht im Herbst. Abgesehen davon war ich schon sechshundertsechsundsechzigmal in Farsund. Vor ein paar Jahren habe ich sogar das Nachtleben kennengelernt, aber die Geschichte darüber, würde einen ganzen Post füllen.

Als der Rest vom Hof fährt, freue ich mich fast ein wenig auf die Ruhe. Ich werfe ein paar Stücken Holz in den Kamin und lege mich auf die Couch. Es ist so weit: Ich werde den neuen Zafón beginnen. Signierte Erstausgabe, Biatch. Ich wünschte, ich wäre geduldiger, schließlich wird die Fortsetzung erst in ein paar Jahren erscheinen. Mein einziges Zugeständnis ist, dass ich mich beim Lesen nicht beeilen werde. Das Gefühl, die ersten Seiten zu lesen, kommt in meiner Erinnerung, meinen Empfindungen, als ich den Vorspann von Episode I im Kino sah, ziemlich nahe. Lange hat man gewartet, und im Geist hält sich eine Mischung aus Angst und Spannung die Waage; Spannung, weil man es kaum erwarten kann, zu sehen, wie es weitergeht - Angst, weil es auch scheiße werden könnte, und somit etwas beschädigt wird, das man sehr schätzt.

Meine Beine wippen unaufhörlich. Ich klappe das Buch zu, blockiere die Luftzufuhr des Kamins, ziehe mich an und gehe raus. Ich bin doch nicht hier, um im Warmen abzuhängen.
Ich spüre, wie der Rückenwind meinen Gang antreibt. Immer und immer wieder drückt die Kapuze meiner Jacke gegen meinen Hinterkopf. Als ich am Haus der Vermieter vorbeikomme und die Dame des Hauses im Hof stehen sehe, hebe ich die Hand und lächele. Sie erwidert meinen Gruß und ruft dazu: "Hej Hej". Gehe ich in den Kuhstall? Früher, in vergangenen Jahren, war ich fast jeden Tag dort, um Kälbchen zu füttern, Kraftfutter zu essen (!), Mutproben mit den anderen erschaffen (Wer traut sich noch näher an die Bullen heran?), oder mich einfach ein bisschen bauernhofmäßiger zu fühlen. Jetzt, als alter Mann, gehe ich an der Auffahrt zum Stall vorbei. Ich muss zum Meer. Es gibt mehrere Wege. Ich entscheide mich für den über die Hügel, durch einen ehemaligen Wald. Der nächtliche Starkregen hat deutliche Spuren hinterlassen: ein Minenfeld aus Pfützen und Morast. An vielen Stellen wurde altes Gestrüpp oder Heidekraut verbrannt. Ich fühle mich stark an Herr der Ringe erinnert. Hier muss die große Schlacht stattgefunden haben. Früher betrat man von einer kleinen Lichtung aus den tiefen Wald.
Der Weg nach Mordor
Aber so ist das: Alles verändert sich, selbst das Paradies. Ich hau' die krassen Zitatvorlagen aber auch nur so raus in letzter Zeit, was? Ein Baum hat überlegt, und steht, vom Wind geschunden, allein, als Relikt der Vergangenheit. Dass Naturschützer es immer so einfach mit ihrem Gewissen vereinbaren können, Pflanzen und Tiere zu töten, nur weil sie von Menschenhand in einen neuen Lebensraum geworfen wurden und jetzt andere Tier- und Pflanzenarten bedrohen. Ja, ich weiß, ohne die Ratten auf den Schiffen würde der Dodo noch immer leben. Trotzdem macht man das Ganze nicht besser, indem immer und immer wieder in die Geschicke der Natur eingegriffen wird. Außerdem kommen mir die meisten dieser Öko-Nationalisten immer wieder kiffende Heuchler vor. Einen Fehler kann man nur schwer durch tausend weitere ungeschehen machen. Versteht mich nicht falsch, ich stehe da auf keiner Seite. Es ist nur irgendwie befremdlich für mich, Pflanzenschützern dabei zuzusehen, wie sie lachend nicht-einheimische Pflanzen aus dem Boden reißen, um sie anschließend zu verbrennen und ums Feuer zu tanzen, oder neuseeländische Tierschützer zu bewundern, die voller Inbrunst überall Ratten- und Igelfallen aufstellen, weil diese die Feinde des Kiwi sind, und weil nicht der Igel oder die Ratte ihr bescheuertes Wappentier ist, haben die da auch nichts zu lachen. Das ist ein philosophisches Problem. Hunde werden gestreichelt und Fliegen zerschlagen, Rosen gegossen und Unkraut gejätet.    
Der Baum, der überlebt hat
Der Untergrund ist so von Wasser durchtränkt, dass es sich anfühlt, als laufe man auf etwas Lebendigem. Nach ein paar Minuten gelange ich zu den Überresten deutscher Bunker. Da ich mit ihnen aufgewachsen bin, stört mich ihre Anwesenheit nicht im Geringsten. Sie gehören dazu. Als Kind habe ich nicht darüber nachgedacht, aber irgendwie ist es doch befremdlich, in dieser Kulisse auf alte Anlagen des Atlantikwalls der Nazis zu stoßen. Ob die Soldaten, die hier stationiert waren, dieses raue Panorama wohl auch zu schätzen wussten, als sie aufs Meer zielten? Die Deutschen, die jetzt hierher kommen, angeln und trinken Bier. Ja, diese alten Betonmahnmale. Zurückgelassen und neutral überstehen sie die Zeiten und trotzen dem Wetter, als wären sie alte Kultstätten.
Ich springe von Stein zu Stein und höre Musik. Unglaublich, dass ich erwachsen bin - dasselbe habe ich nämlich schon immer gemacht. Während ich zwischen den Steinen sitze und eine rauche, formuliere ich im Kopf bereits die Sätze für IADST. Bin ich zu dem geworden, was ich eigentlich bekämpfen wollte? Ich bleibe am Rande des Wassers und genieße die frische Luft.
Ich habe nicht einmal 'ne Uhr mit. Irgendwann gehe ich einfach zurück. Das ist auch mal ganz schön. Ich merke wie ein Stück Scheiße unter der Sohle meines Stiefels nachgibt. Als ich aufblicke, laufen zwei Schafe aufgeschreckt vor mir davon. Irgendwo im Zaun muss ein Loch sein, doch sie sind zu groß, um sie einfach so wieder in ihre Welt zu heben. Ich streife die Schafscheiße am Wegesrand ab und gehe weiter. In Deutschland hätte mir das ziemlich die Laune verdorben - hier muss ich fast darüber lachen, als ich wäre ich irgendein debiler Kirchenmann.
Als ich zurück am Haus bin, ist noch niemand wieder da. Egal, ich leg wieder Holz auf und mache dort weiter, wo ich aufgehört habe.

Mehr Berichtenswertes ist nicht geschehen am Montag.

Dienstag:

Zur festen Planung gehört es jedes Mal, den Leuchtturm von Lista, Lista Fyr, zu besuchen - seit ich klein war. Ihr wisst um meine Begeisterung für die Ästhetik von Leuchttürmen? Ich möchte nicht wissen, was Psychoanalytiker oder Feministen davon halten würden. Das ist also die Tagesaufgabe. Rührei mit Speck, 10°C, der Tag kann starten. Inzwischen weiß ich gar nicht mehr, wie ich je allein frühstücken konnte.

Es hat die ganze Nacht geregnet und der Wind hat weiter zugenommen. Das perfekte Wetter zum Einschlafen für mich. Nichts ist gemütlicher, als wenn Wind und Regen gegen die dunklen Fenster peitschen. Aus diesem Grund finde ich den Schimmelreiter auch so gemütlich. Manchmal, wenn ich nicht einschlafen kann, versuche ich durch die Augen des Deichgrafen zu sehen, der nachts, dem rauen Wetter trotzend, über den dunklen Deich reitet.




Der große Leuchtturm überragt die Landschaft und prägt ihr Bild kilometerweit. Was für ein geradliniges Gefühl: Man hat nach zwölf Schritten bereits das Ziel vor Augen. Zwar war der Weg früher schöner, als alles noch dicht bewaldet war, seinen rituellen Charakter hat der Weg nach Lista Fyr trotzdem nicht verloren. Wir verlassen den Weg und orientieren uns Richtung Leuchtturm. Früher gab es einen richtigen Wanderweg. The Times they are a-changin'.
Immer wieder versperren tiefe Pfützen den Weg, der im Prinzip nichts anderes, als die tote Spur gigantischer Traktorenreifen ist. Ein paar weißärschige Rehe schrecken auf und verschwinden in den Weiten des großen Feldes zu unserer Linken. Der Weg verschwindet im Nichts. Wir entscheiden, Richtung Wald zu gehen. Ich sage großspurig, dass ich keinen beschissenen Wanderweg bräuchte. Die kleine Brücke am Waldesrand ist mir durchaus vertraut. Früher war sie Teil des Weges - heute muss man sie nicht einmal mehr überqueren.
Der Wald ist in keinem guten Zustand. Mein Großvater erzählte mir beim Frühstück, dass das völlig normal sei, da durch die viele Rodung, die Niederschlagsaufnahme völlig durcheinandergeraten sei und sich überall Moore bilden würden, da der Boden völlig überwässert sei. Ganze Bäume liegen auf der Seite; an manchen sieht man die Spur einer Säge, andere wiederum sind mit ihren Wurzeln in Schieflage geraten. Sicher scheint es hier wirklich nicht zu sein: Einige Baumstämme, die über den Weg ragen, werden nur von dürren Ästen gehalten.
Der gesamte Wald war zu Kriegszeiten ein deutscher Militärflughafen. Siebzig Jahre späte erscheint dies mehr als unwirklich. Vor ein paar Jahren kam es noch eine kleine Mahntafel. Die ist verschwunden. Alle Spuren sind getilgt. So ist der Lauf der Dinge: Aus einem Flugplatz wird ein Wald, aus einem Wald wird ein mit Heidekraut bewachsenes Moor - und irgendwann vielleicht wieder ein Flugplatz. Eine Biegung weiter scheint sich das Leben jedoch erneut einen Weg zu suchen. Zwischen all den toten Überresten sprießen kleine Nadelbäume aus dem Boden. Irgendwer hat mir einmal gesagt, dass Nadelbäume hier unten die Pest der Landschaft seien. Wahrscheinlich werden sie demnächst von Naturschützern aus dem Boden gerissen.
Plötzlich müssen wir stoppen. Das Wasser hat dem kleinen Holzsteg, der mitten durch den Wald führt jegliche Stabilität genommen. Vorsichtig setze ich meinen linken Fuß auf das Holz und muss doch sogleich feststellen, dass dieser Weg wirklich nicht passierbar ist. So eine dämliche Hurenscheiße! Entweder wir kehren um und geben uns geschlagen, oder wir suchen uns einen eigenen Weg mitten durch das knorrige Dickicht.
Umkehren ist etwas für Pussys. Das Tigerblut kocht in meinen Venen, und der Pfadfinder erwacht. Ich klettere über totes Geäst, aus dem Boden gerissene Wurzeln, Schlamm und Wasser - und drehe mich nach jeder Hürde sofort zurück, um meine Begleitung zu helfen und die Hand zu reichen. Der letzte Gentleman.

Als wäre all das noch nicht genug, versperrt uns plötzlich ein Stromzaun den Weg - er ist sogar mit Stacheldraht umwickelt. Heilige Kühe beherbergen sich nicht von selbst. Wie ich diese Hürde bewältige? Nun, das hat mich selbst überrascht. Ich ziehe mich an zwei Ästen an einem Baum hoch, stoße mich ab und springe in der Rückwärtsbewegung über den Zaun. Meine Knie knacken bei der Landung, aber verflucht, dass das wirklich geklappt hat, haut mich selbst um. Ja, Bundeswehr, was sagst du nun? Dafür allein hätte ich ein T1 verdient gehabt. Meine Begleitung zieht sich ebenfalls an den Ästen hoch, dann packe ich sie und hebe sie sicher auf die andere Seite. Noch zwanzig Minuten später schwärme ich davon, wie cool ich gerade gewesen bin.
Ach, Lista Fyr, wir beide. Keine Touristen haben sich zu dieser Jahreszeit hierher verirrt. Die Tür des Turms ist verschlossen, was es unmöglich macht, ihn zu besteigen, um die weite Landschaft zu bestaunen. Von der Spitze des Turms kann man sogar das Haus sehen, in dem die Dynastie gerade wahrscheinlich Kreuzworträtsel löst und Obstler trinkt.
Der Rückweg, oder vielmehr: der Versuch den Wald zu umgehen, ist nicht weniger beschwerlich. Bis zu den Knöcheln verschwinden wir im Schlamm. Noch nie war ich auf dieser Seite des Waldes. Trotz allem wirkt die See hier sehr ruhig. Statt in Steinen, endet das Land hier fast in einer Wiese. Dichtes, grünes Gras, das in eine spiegelglatte Bucht überzugehen scheint.
Der Sand am Grunde des Wassers scheint rötlich wie Rost. Müdigkeit überfällt mich. Den ganzen Sauerstoff, all das Gewandere bin ich nicht mehr gewöhnt. Nachdem wir durch eine weitere tropfnasse Wiese laufen, erreichen wir endlich den Weg. Gegenwind.

An dieser Stelle reißen meine Notizen ab, was am ehesten dafür zu sprechen scheint, dass ich tatsächlich im Urlaub angekommen bin und mich auch um nichts anderes mehr kümmere. Aber: Ich hab ein Elefantengedächtnis. Und mein Geschmack ist gut genug, um keinen Witz über lange Rüssel zu machen. Ich werde die restlichen Tage einfach anhand von Fotos und Erinnerungen rekonstruieren.

Mittwoch:

Rührei und Speck. Regen und Wind zersetzen alles. Kein Wetter zum Spazierengehen. Die Dynastie ist sympathisch aber eigen. Absurdität des Familienurlaubs Nr. 1: Meine Familie hat tatsächlich norwegischen Käse aus Deutschland mitgebracht - denselben Käse, den sie hier vor Jahren für sich entdeckt haben. Ja, Lebensmittel sind teurer hier oben, aber ist das nicht trotzdem irgendwie merkwürdig? Wenn schon nicht von meiner Familie, dann zumindest von Europa. Es ist dasselbe verfickte Lebensmittel!

Meine Mutter hat sich in die hauseigene Kaffeemaschine und den Fernsehsessel verliebt, und lag nun meinem Vater so lange in den Ohren, bis er sich dazu bereit erklärt hatte, die Vermieter eingehend zu befragen, wo sie denn die Gerätschaften erstanden hätten. Das Wetter gibt nicht viel mehr her, also willigen ich und meine Begleitung ein, mitzufahren, falls man den Platz in unserem Auto benötigen würde.

Die kleinen Städte sind leer und grau. Der Winter kommt mit dem Ende der Saison. Deutsche scheinen sich hier momentan genauso wenige aufzuhalten wie Norweger in Kiel. Wir finden die begehrte Kaffeemaschine in einer kleinen Euronics-Filiale, die eher an einen Trödelladen erinnert. Während ich im Kopf die Preise in Euro umrechne, stelle ich fest, wie verfickt teuer alles hier ist. Die Kaffeemaschine kostet zärtliche 270 €. Wir lachen und verlassen das Geschäft. Der Stuhl kostet über 300 €. Wir lachen und verlassen das Geschäft. Bevor wir gehen, erstehe ich jedoch ein Paar enge Lederhandschuhe für 13 € (!). Mit ihnen an den Fingern, sieht es aus meiner Perspektive so aus, als hätte ich die Hände eines SS-Manns, während ich eine Zigarette zum Mund führe. Das beunruhigt mich kurz. Absurdität des Familienurlaubs Nr. 2: Meine Großeltern kaufen ein Kristall-Service. Made in Germany. Wir bringen den Import/Export-Kosmos völlig durcheinander.

Zu Hause heize ich den Ofen ein und versinke im "Der Gefangene des Himmels". Gefällt mir das Buch? Ich weiß es nicht.
Abends sind wir zum Essen eingeladen. Ritualisiert wurden wir von den Vermietern am Vortag dazu aufgefordert. Wie viele Mahlzeiten ich dort wohl schon bekommen habe? Als ich klein war, bin ich jeden Tag, aus fadenscheinigen Gründen, zu dem großen, gelb-gestrichenen Holzhaus marschiert, um ein Stück Kuchen abzugreifen. Ihr Schokoladenkuchen war schon immer fantastisch und hat nicht zuletzt dafür gesorgt, dass ich auch einen Geschmack auf der Zunge spüre, wenn ich an Norwegen denke. Wir begrüßen uns überschwänglich und setzen uns.

Es ist schrecklich heiß, und aus Verlegenheit trinke ich ein 0,5l-Bier in wenigen Zügen. Der Sohn des Vermieters (ich kenne ihn, seit er selbst noch ein Kind war. Inzwischen hat er Frau und Kind, Geld und Haus.) kommentiert das Ganze mit: "Alexander ist ein Bierfreund. Ja, ja.". Vor ein paar Jahren waren wir 'mal gemeinsam on the road - ein Freund aus Deutschland, der damalige Bassist meiner Band, war auch dabei. Eine herrliche Partynacht mit allem, was dazugehört.

[FLASHBACK]
Ein unendliches Arsenal an Tuborg-Dosen liegt vor mir. Die Sonne geht über einem weiten Feld unter. Die Gäste der Party sehen aus wie Jackass-Darsteller, die Mädchen sind süß. Ich bin siebzehn Jahre alt, besoffen und übergebe mich noch, bevor die Nacht das Feld, auf dem mehrere Bänke für die Party aufgestellt wurden, ganz und gar einnimmt. Ich labere über die Bundesliga und die angeblich berühmte Band, in der wir in Deutschland spielen. Mit jedem Schluck wird mein Englisch besser. Aus einem Impuls heraus springen wir in ein Sammeltaxi, ohne zu wissen, wohin die Reise gehen würde. Woohoooooo. Noch im Auto bescheinigen mir die Mädchen, dass ich für mein Alter sehr reif aussehe - für norwegische Verhältnisse. Ich habe einfach keine Gummistiefel an und fahre kein Moped. Das ist, was letztendlich den Unterschied macht. Wir fahren durch Städte, die ich noch nie im Dunkeln gesehen habe, während mir klar wird, dass ich in einem Abenteuer stecke, von dem ich noch Jahre später den Leuten berichten werde. Als das Taxi hält, suchen ich und der Bassist meiner Band erst einmal schnell das Weite, schließlich habe ich keine einzige Münze des norwegischen Fantasiegeldes in den Taschen meiner Jeans. 

Als ob ich pinkeln gewesen wäre, stoße ich jedoch nach kurzer Zeit zurück zur Gruppe. Alle Namen sind mir entfallen, aber wir trinken und prosten uns zu. "Deuschland, Deuschland uber allez", brüllt ein Norweger und stößt mit seiner Bierflasche gegen meine. Ich brülle "Jawohl". Geschmack kann man nicht kaufen. Und beleidigter Nationalstolz ist etwas für Trottel. 

Wir verlieren den Sohn der Vermieter aus den Augen, und ehe ich begreife, was passiert, stehe ich in einer Schlange. Wo mag sie enden? Alles verschwimmt langsam und ich stehe bei Weitem nicht mehr sicher auf meinen Füßen. Neben mir steht ein Mädchen. Sie ist hübsch. Sie flüstert in mein Ohr, dass man in den Club erst ab 21 Jahren dürfe, sie das aber regeln würde. War sie die ganze Zeit schon dabei? Ich habe keine Ahnung. Kurz bevor wir an der Reihe sind, hakt sie sich bei mir ein. Vielleicht hat sie mich auch gestützt. Lena? Hieß sie Lena? Der Türsteher labert mich auf Norwegisch voll. Ich entgegne ihm ein freundliches (aber bestimmtes) "Geeermanyyyy". Das Mädchen redet kurz mit ihm auf Elbisch, und auf einmal stehe ich mitten auf der Tanzfläche. 

Ich habe ein Bier in der Hand. Woher? Kopf und Nacken haben Probleme, den Takt zu finden. Die Musik ist scheiße: 90'er-Trance. Ich tanze mit Lena. Hieß sie Lena? War mein Bassist auch in der Schlange? Wusste überhaupt jemand, wo ich war? Egal, ich tanze mit Lena. Sie hieß ganz sicher Lena. Ich muss pinkeln. Als ich von der Tanzfläche will, renne ich fast einen Rollstuhl um. Verdutzt bleibe ich stehen und sehe einem Rollstuhlfahrer dabei zu, wie er sich zum Rhythmus der Musik auf der Tanzfläche dreht und albern rumhampelt. Ein Kreis hat sich gebildet, als wäre er ein beschissener Breakdancer. Na gut, ist er ja auch irgendwie. Geschmack kann man nicht kaufen. Die Leute sagen wahrscheinlich gerade so etwas wie "Mann, ich bewundere seine Kraft so sehr. Er ist so stark. Smörebröd.", "Ja, Smörebröd, er ist wirklich so bewundernswert", während sie in Wahrheit meinen, dass sie einfach nur verfickt froh sind, selbst nicht im Rollstuhl zu sitzen. Ich torkel von der Tanzfläche.

Kotze klatscht auf Porzellan. Die Schwerkraft ist gegen mich. Ich habe das Gefühl, meine Organe und meine Seele mit auszukotzen - als würde all das aus mir herausgezogen werden. Das Adrenalin pumpt durch meine Venen, lässt meine Gedanken ein wenig aufklaren und erzeugt Kopfschmerzen. Ich blicke in den Spiegel: Schweißnasse Strähnen kleben an meiner Stirn, meine Haut ist grau. Wie zum Henker kommen wir zurück? Wo ist der Bassist? Kaltes Wasser klatscht auf meine Haut. Ich klopfe an jede Kabine und rufe lallend seinen Namen. Nichts. Die Bässe hämmern an meine Schläfen - oder umgekehrt. Auf der Tanzfläche ist er auch nicht. War er überhaupt mit in den Club gekommen? Ich werde panisch. Muss ich auf irgendeiner Parkbank schlafen? Lachend und benommen stolpert er aus der Mädchentoilette. Er war also mit. Ich packe ihn am Arm und schleife uns beide nach draußen. 

Er fällt auf eine Bank am Straßenrand und glotzt mich mit wartenden Augen an. Besoffen und selig. Scheiße, und jetzt? Ich quatsche wahllos irgendwelche Norweger an und frage sie nach dem Sohn der Vermieter, dessen Name wohl das verschissene Äquivalent zu "Jan Schmidt" oder so sein musste. Viele kannten jedenfalls einen. Wie durch ein Wunder stolpert der Gesuchte jedoch plötzlich auf uns zu. Hatte er uns gesucht? Ich denke nicht. Er ist total voll und drückt mir ein hohe Summe Elbengeld in die Hand. Wir sollen einfach ein Taxi nehmen, wenn wir zurück wollten. Ist das hier scheiß New York City? Wo fahren denn hier irgendwelche bekackten Taxis? Er zeigt die Straße 'runter.

Ich richte den Bassisten auf. Plötzlich steht Lena hinter mir. This is goodbye. Sie will mich umarmen. Meine Hände fahren über ihren Arsch und plötzlich ist meine Zunge in ihrem Mund. Ich öffne meine Augen. Hatte sie mich geküsst? Hieß sie überhaupt Lena? Als unsere Lippen sich voneinander lösen, sage ich "Goodbye" und drehe mich um. Der Sohn der Vermieter und der Bassist grinsen mich an. Lena zieht mich zurück und küsst mich erneut. Ob sie das Erbrochene schmeckt? Alles dreht sich. Ich küsse sie auf die Wange. Goodbye. Hieß sie Lena?

Im Taxi sitzen zwei Mädchen neben dem Bassisten und mir. Keine Ahnung, woher die kamen.  Während ich versuche, dem Taxifahrer in besoffenem Englisch zu erklären, wohin wir wollten, pennt der Bassist auf der Schulter eines der Mädchen. Wir halten irgendwo in der Dunkelheit und die Mädchen steigen aus. Wir fahren weiter. Als auch unsere Fahrt endet, gebe ich dem Taxifahrer unser ganzes Geld. Fremdländische Währungen erscheinen mir immer so wertlos.

Wir lachen und schreien hinaus in die Nacht. Ist das unser Haus? Nein. Ist das unser Haus? Nein. Dieses? Möglich. Mühevoll manövriere ich eine Zigarette aus meiner Hosentasche. Als wir endlich vor dem richtigen Holzhaus stehen, sind wir uns dessen nicht einmal zu 100% bewusst. Während draußen alle Vorbereitungen für den Sonnenaufgang getroffen werden, fallen wir in unsere Betten.   


Beschämt schalte ich einen Gang zurück. Erinnerungen nehmen Gestalt an. Ich zerschlage sie. Ich bin dran in der Runde. Ob ich noch in Kiel lebe? Das tue ich. Ob ich noch studiere? Das tue ich. Was ich denn studiere? Philosophie und Geschichte. Als stünde überhaupt nichts anderes zur Debatte, nicken alle und lächeln, als hätte ich ihnen etwas gesagt, dass sie schon lange wüssten. Ich erschrecke. Ich bin doch kein bärtiger Patschuli-Idiot. Sieht man mir den Studiengang an? Bin ich wie die trotteligen Sportstudenten oder die Juristen? Gott! Ich schiebe es auf meine ruhige, schwermütige Art - Kontemplation und Landschaftsmelancholie. In meinen Augen ist ein Sonnenuntergang. Seit jeher.

Ich lobe das Essen der Gastgeberin und bitte um das Rezept ihres Weihnachtskuchens. Natürlich kann ich nicht backen - ich habe einen Penis, Freunde! Ich möchte, dass ihn irgendjemand für mich backt. Sie willigt ein und freut sich, dass ich mich erinnere. Man kennt sich so lange. Ich bin erwachsen und sie Rentner.

Wir verabschieden uns, und als wir die Tür öffnen, schlägt uns schwarze Nacht entgegen.

Donnerstag:

Ich habe heute leider kein Foto für Euch. Rührei und Speck. Wind peitscht gegen die Wände des kleinen Hauses. Ich versinke den ganzen Tag in der Couch und lese "Der Gefangene des Himmels" zu Ende. Ich bin enttäuscht. Nicht einmal die unterschriebene Erstausgabe trübt meine Wahrnehmung. Kein Zauber, keine Magie. Resigniert klappe ich das Buch zu und verstaue es in meinem Rucksack. Jetzt habe ich nichts mehr, was ich hier lesen könnte - außer dem Käse, den die Anderen mitgebracht haben. Ich hasse es, kein Buch neben mir auf dem Nachttisch liegen zu haben. Das ist wie mit den Zigaretten: Habe ich welche, fällt es bei Weitem nicht so schwer, nicht zu rauchen, wie es mir fallen würde, wenn die Schachtel leer wäre. Macht das Sinn?

Das schlechte Wetter zwingt meinen Vater dazu, untätig neben der Familie auf der Couch zu sitzen. Das fällt ihm sichtbar schwer; er ist ein Getriebener. Man kann die Unruhe in seinen Augen sehen. Er ist daran gewöhnt, keine Zeit zu haben und zwölf Stunden am Stück, die ganze Nacht hindurch, irgendwo im Dreck auf einer Baustelle in Dänemark zu arbeiten. Wenn er frei hat, repariert er ständig Dinge und findet irgendetwas, das unbedingt am Haus getan werden muss. Für ihn bedeutet Urlaub schon, dass er nicht auf irgendeine Baustelle muss, genügend schlafen kann und Zeit zum Angeln hat. Dass er bisher nur zweimal auf See war, schlägt auf seine Stimmung, und das kleine Wohnzimmer beginnt langsam, zu eng für uns beide zu werden. Er provoziert mich, ich provoziere ihn.

Freitag:
Sonnenstrahlen dringen durch das Fenster und lassen das Holz an der Dachschräge deutlicher heller erscheinen als den Rest des Raumes. Ich beuge mich vor und blicke hinaus. Der letzte Tag. Meine Begleitung erwacht neben mir und ordnet ihre Gedanken. Es wird Zeit, an den Strand zu fahren.

Rührei und Speck. Mein Vater ist bereits vor Anbruch des Tages mit dem Boot hinausgefahren. Bevor ich mich zum Frühstück setze, suche ich mit dem Fernglas seine Silhouette auf dem Meer. Ich finde ihn nicht. Er ist eins mit den Wogen.

Ich frage meine Großeltern, ob sie uns nicht begleiten wollen. Sie zieren sich ein bisschen, aber letztendlich sagen sie zu. Ich dirigiere das Auto über die einsamen Landstraßen zum Parkplatz von Lomsesanden - so heißt der Strand, der beste Strand meines Lebens. Ein riesiges Areal aus Dünen, Sand, Felsen und Erinnerungen. Als wir halten, singt Patrick Park gerade darüber, dass das Leben nur ein Lied sei.


Nach wenigen Metern hat der Ort mich völlig eingenommen. Ich habe all das hier nicht grundlos so verklärt. Überall hat der Regen kleine Tümpel gebildet, in denen sich die Sonne spiegelt. Es ist fantastisch, das scheint allen klar zu sein, denn wir schweigen, während wir den Weg hinunter zum Strand gehen.
Winzige Rinnsale suchen sich ihren Weg durch das Gras und den Sand. Nach ein paar Dünen eröffnet sich mir der Blick über die Lagune. Das Meer hat den Strand halbiert und sich seinen Teil zurückgeholt. Niemand ist zu sehen. Utopia.
Die Wolken zeichnen ein wunderbares Panorama und ich muss meine Augen zusammenkneifen, als ich aufs Meer hinaussehe. Scheiße, und heute ist der mein letzter Tag? Gegen das hier ist Kiel nur ein Klumpen Scheiße. Ein großer Klumpen Scheiße. Doch das, was meine Augen sehen, ist viel zu schön, um jetzt schon wehmütig zu werden. Die Wellen gleiten langsam bis zu meinen Füßen. Vor mir, im Sand, entdecke ich einen kleinen Seeigel. Beim genaueren Betrachten fällt mir ein winziger Seestern auf, der an seiner Hülle klebt.
Ich werfe die Beiden zurück ins Meer, so weit wie nur möglich. Verflucht, ist das schön hier! Wir laufen so lange den Strand entlang, bis der Sand langsam einem dichten, feuchten Grün weicht. Alles hier besteht eigentlich aus vielen Stränden, vielen kleinen Buchten, die jedoch alle miteinander verbunden sind. Ein Berg aus Felsen türmt sich vor uns auf, doch statt umzukehren, suchen wir uns einen Weg um ihn herum. Die Reste irgendeines deutschen Bunkerbaus sind mit der Natur verschmolzen. Eine Treppe ragt hinauf ins Nichts. Ja, ich verkneife mir das dumme Stairway-to-heaven-Wortspiel.
Ohne darüber zu sprechen, gehen wir langsam immer weiter bergauf. In der Ferne sieht man Wellen, die sich an Felsen brechen, die aus dem Meer ragen. Es gibt wieder Einhörner. Wasser läuft den Weg herunter. Ob meine Großeltern dieselbe kindliche Neugier empfinden, was den Gipfel betrifft? Zumindest steuern sie auch unaufhörlich auf das Ende des Hügels zu.
"Alexander, die Wolken sind beeindruckend, oder? Aber es is' auch ganz schön windig, ne?", sagt meine Oma mit glücklichem Gesicht.
"Ja, das wird meinen Vater schön durchschaukeln, aber das ist der Preis, den man zahlen muss", antworte ich, voll von offensichtlicher Schadenfreude. Sie stößt mir in die Seite, ohne ihr Lachen zu verlieren.

Und dann sind wir oben. Meine Pupillen rasen durch die Landschaft. Das hier ist ein perfekter Ort, da bin ich mir sicher. Ich blicke hinunter auf ein felsiges Tal, bestehend aus unendlich vielen Lagunen und Buchten. Immer wieder blitzen kleine Sandstrände vor dem klaren Wasser auf. Wie kommt es, dass ich hier noch nie war? Sicher, ich kenne den Strand - doch all dies hier war mit völlig unbekannt.
Wir alle sind berauscht und jeder von uns hat ein Lächeln auf dem Gesicht. Ob dieser Ort einen Namen hat? Ich würde alles hier so gern festhalten und mitreißen. Fast krampfhaft fotografiere ich ununterbrochen, bis ich mich wieder einkriege und meiner Begleitung die Kamera gebe.
Ich atme langsam und tief. Und dann denke ich an Euch. Wie kann ich vermitteln, wie fantastisch dieser Ort ist? Ich will etwas, dass mehr sagt als die beeindruckenden Bilder. Ich will, dass Ihr durch meine Augen seht, hört, was ich höre und denkt, was ich denke. Also mache ich ein Video. Das ist zumindest ein Versuch. Jetzt bin ich ganz unten angekommen: Der Blog-Kosmos hat mich verschluckt, IADST hat mich absorbiert.

Wir folgen einem kleinen Pass durch die zerklüfteten Felsen. Plötzlich stehen wir an einem der kleinen Strände, versteckt vor den Augen aller. Das hier ist ein Ort für Verliebte, die Kulisse eines Musikvideos und mit Sicherheit auch ein guter Platz zum Sterben. Alles hier wirkt ruhig und von der Zeit losgelöst - fast wie in einem Traum. Alles, was uns begleitet, sind unsere Schatten im Sand.
Ich erinnere mich an eine Klassenfahrt in die Toskana vor einigen Jahren. Am letzten Tag der Abschlussfahrt, kurz bevor der Bus aus dem kleinen Nest, direkt am Meer, losfuhr, versammelten wir uns alle, und zwar völlig unverabredet, auf der langen Mole, um den Wellen zuzusehen. Dann verschwanden wir und wurden erwachsen.

Bevor wir wieder den Rückweg antreten, werfe ich einen Blick zurück. Ich will nicht gehen.
Regen prasselt auf die Frontscheibe, doch die Wolken formen noch immer ein Gemälde am Himmel. Ich blinke nach links und frage mich, ob ich mit jemandem zusammen sein könnte, der all das hier sofort gegen einen All-inclusive-Urlaub in der Sonne eintauschen würde. Oder mit jemandem, der Simon & Garfunkel scheiße findet. Oder Star Wars nicht mag. Wirklich, ich hasse Leute, die Star Wars nicht mögen. Echt, wir kann man das nicht mögen?

Wir setzen meine Großeltern ab und fahren weiter. Ich habe noch einen Ort auf der Agenda. Als ich klein war, nannten ich und meine Freunde diesen Ort "Grusel-Gespenster-Wald". Wir waren ironisch. Und trotzdem hatten wir Schiss. Als der Wagen hält, donnert es am Himmel. Bevor es in den Wald geht, werfe ich einen Blick ins Wasser. Der kleine Hafen, der fast ein Zwilling des Hafens in unserem Ort sein könnte, ist menschenleer.



Irgendetwas Besonderes umgibt diesen Wald hier. Er ist anders. Sein Eingang ist verschlungen und düster. Kein Licht in ihm. Meine Begleitung greift nach meiner Hand. Vor vier Jahren standen wir vor einem Problem. Es gibt nur einen Weg. Um zu dem Plateau zu gelangen, welches vom Wald verborgen wird, muss man ihn durchqueren. Damals kamen wir zum Einbruch der Dunkelheit. Als wir auf das Plateau gelangten, und die Nacht einsetzte, wagte sie es nicht mehr zurückzugehen. Ich musste uns damals einen unglaublich beschwerlichen Weg, die Klippe herunter und über die Steine am Ufer, suchen, was Stunden dauerte.
Als der Wald uns umschließt, kann ich fast ihren Herzschlag hören. Ich kenne den Wald viel zu gut, um mich zu fürchten. Eine trockene Stille umgibt uns, die lediglich durch das Rauschen des Ozeans durchdrungen wird. Weil die Bäume so dicht beieinanderstehen, und so gut, wie kein Licht nach unten dringt, tragen sie bis zur Spitze kaum Nadeln. Ein düsterer Ort. Der Wald scheint nie gelebt zu haben - und doch besteht er. Niemand hat es gewagt hier auch nur einen Baum zu fällen - entgegen dem allgemeinen Trend.
Als die Totenbäume sich langsam lichten, gelangen wir an ein kleines Holztor, was Schafe und Kühe davon abhalten soll, in dem Wald zu verschwinden. Das Plateau beherbergt eine alte, nordische Kultstätte: ein Phallus-Felsen, der die Fruchtbarkeit fördert, wenn man ihn berührt. Die Aussicht von hier ist grandios. Jedem, den ich mit herbringe, muss ich diesen Ort zeigen.
Die Sonne befindet sich allmählich auf dem Rückweg und meine Begleitung wird langsam nervös. Es wird Zeit, sich von all dem hier zu verabschieden, Zeit, zurückzukehren, die Sachen zu packen, Zeit, sich der Gewissheit zu stellen, dass alles Gute endet (Nelly Furtado, R.I.P.). Morgen früh um 07:00 Uhr fährt unsere Fähre bereits wieder in Kristiansand ab. Ich lächele noch einmal ins Leere und dann machen wir uns auf den Weg, zurück in den Wald.
Wir parken das Auto und gehen zurück ins Haus. Das Leben pulsiert. Alles ist bereits dabei, Sachen zusammenzusuchen und zu packen. Ich verstaue meine Gitarre in ihrer Hülle und stelle alles bereit. Mein Vater kehrt vom Meer zurück. "Ich habe morgens zwei Tassen Kaffee getrunken. Auf dem Meer hab' ich dann acht wieder ausgekotzt", sagt er, völlig erschöpft. Den Steinbutt, den er gefangen hat, wird meine Mutter zum Abendessen vorbereiten. Ich will nicht warten, bis es dunkel wird. Ich will mich nicht verabschieden, und hier vorm Fernseher vegetieren. Als mein Vater dann auch noch "Over the Top" im Fernsehen einschaltet, reicht es mir. Ich streife meine Jacke über und klettere erneut in meine Stiefel.

Einen letzten Gang den Weg herunter. Noch einmal die Strecke, die ich schon millionenmal gelaufen bin. Die schwindende Sonne taucht den gesamten Himmel in einen Ton von Vanille. Wer weiß schon, wann ich zurückkehre?


Der Leuchtturm von Lista wirft nun sein Licht in die Ferne und mein Herz ist schwer. Mein Handy vibriert. Das soll mir wohl signalisieren, nach Hause zu kommen. Ich ignoriere es und öffne zum letzten Mal das kleine Tor neben dem Bootshaus und laufe über die Steine. Ich muss schmunzeln, als ich noch einmal in Ruhe den größten, der umherliegenden Felsbrocken sehe. Vor Jahren habe ich ihn erklommen, nur um kurz danach festzustellen, dass der Abstieg wesentlich schwerer werden würde, dass es manchmal eben fast unmöglich ist, zurückzukehren. Und man es letztendlich doch schafft.
Mein Handy klingelt. Ich soll zurückkommen und gefälligst dabei helfen, die Sachen zu packen. So eine Scheiße. All die anderen Jahre hatte immer große Pläne, wenn es zurück ging - schon als Kind. Diesmal ist es anders. Ich mache ein weiteres kleines Video und verabschiede mich in Gedanken von allem, was ich sehe.
Die Stimmung ist angespannt. Es wird kalt und die Dunkelheit hat bereits um sich gegriffen, als ich die letzten Sachen im Auto verstaue.

Abends im Bett sehe ich mir die Fotos und Videos an, die ich bisher gemacht habe. Es erscheint mir unwirklich, dass all das heute passiert sein soll. Zu wissen, dass um 03:30 Uhr der Wecker klingeln wird, versüßt mir nicht gerade das Einschlafen, doch der viele Sauerstoff macht mich müde. Morgen um diese Zeit sitze ich wieder in Kiel und mache den Scheiß, den ich sonst so mache. Ich vermisse nichts.

Samstag:

Kälte. Es ist so verfickt kalt. Niemand hat mehr geheizt. Kein Rührei mit Speck - nicht einmal irgendein verschissenes Frühstück. Ich wasche mich und pinkele anschließend in Zeitlupe. Abschiede sind nicht mein Ding. Die Straßen sind stockfinster. Obwohl überall strenge Geschwindkeitsreglementierungen herrschen, fahren die Norweger wie beschissene Ruhrpottler zur "Rasch-Auer". Sie drängeln und hetzen. Die Zeitumstellung bringt mich und das Navigationsgerät völlig durcheinander. Als wir in der Warteschlange vor der Fähre halten, regnet es in Strömen in Kristiansand.

Ich laufe durch den Regen zu den Klohäusern. Fuck, ist das kalt. Ich muss fast würgen, als ich die Tür zur Kabine öffne. Ich atme durch meinen Schal. Die Scheiße der Anderen stinkt immer schlimmer als die eigene. Von der Klotür aus grinst mich ein Hansa-Rostock-Aufkleber an. Ausgrechnet in diesem Klo, ausgerechnet an dieser Kabine? Die Gegenwart streckt ihre kalten Finger nach mir aus.
Eine Zigarette und eine Ladung Anti-Seekrankheits-Kram. Frühstück für Champions. Noch bevor das Schiff ablegt, schlafe ich, gekrümmt wie ein Embryo. Daughter säuseln in mein Ohr, dass sie alles verlassen haben und nur noch eine Silhouette sind. Ich mag das Wort "Silhouette". Ich unterbreche meinen komatösen Tablettenschlaf von Zeit zu Zeit, um an Deck zu gehen und eine zu rauchen. Die Sonne ist aufgegangen. Die See ist ruhig.
Nach 3 1/2 Stunden keimt die dänische Küste langsam am Horizont auf. Ach, Dänemark, du langweiliger, sauberer Ausläufer Schleswig-Holsteins. Zum ersten Mal bemerke ich, dass Hirtshals einen Leuchtturm hat.
Wir verlassen die Fähre und fahren fünf Stunden lang geradeaus. Und dann sind wir wieder in Kiel, wieder im grauen Getriebe. Ich rede wenig. Ich versuche mir vorzustellen, wie es war, heute morgen noch in Norwegen gewesen zu sein. Bereits jetzt erscheint das unwirklich. Ich hoffe, nicht wieder vier Jahre warten zu müssen.

Bevor mir die Augen zufallen, singen Farewell Milwaukee das Lied dieses Urlaubs noch einmal für mich. Ich laufe durch die Erinnerungen der letzten Tage - vor allem durch die, des letzten Tages. Wollt Ihr wissen, was ich sehe?

A.

video

Video: IADST, Music: Farewell Milwaukee - The Night Is Falling For You (I don't own the rights to that song. Go and buy their album "When It Sinks In"!

Kommentare:

  1. Himmel fucking Arsch und Zwirn!

    Ich bin heute durch irgendeinen seltsamen Zufall bei dir gelandet und hab mich durch ungefähr die Hälfte deines Blog gelesen.
    Das alleine is irgendwie schon krank genug.
    Aber du hast das verdient.

    Ich hab mich echt tot gelacht.
    Halb jedenfalls.
    Und mich wohl gefühlt weil du genau ich weiß auch nicht...du triffst mit deinen Worten meinen Geschmack.

    Dein Stil ist...wie soll man das sagen...genau mein Ding.
    Keine Ahnung.
    Jedenfalls: Kompliment.


    Auch für diesen Reisebericht.
    Für die Musikauswahl im Video.
    Für die Fotos.

    Ich les jetzt mal weiter.

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  2. Wow. Mit deinem Kindheits-Urlaubs-Gequatsche (Gequatsche ist natürlich nicht gerechtfertigt bei so einem Text) hast du mich total in meine Kindheits-Urlaubs-Erinnerungen zurück geworfen. Zwar landschaftlich nicht ganz so schön, wie dein Ziel aber mit mindestens genau so wundervollen Erinnerungen an ein, ich nenn es mal, zweites zu Hause.
    Und ich hab jetzt Appetit auf Speck. Und den Wunsch durch meterhohe Bäume auf strahlend blauen Himmel zu sehen. Tolle Mischung... Ach und ich dachte ja bis zum Schluss, dass du und deine "Begleitung" euch noch näher kommt, als "sie nahm meine Hand" ;D

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    1. Freut mich, dass es dir gefällt. Man muss doch immer Gentleman bleiben oder so.

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    2. Wieso bin ich schon wieder hier? Egal.
      "Oder so" trifft es ganz gut.

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