Die Leuchtturmtagebücher: Reisebericht

Im Sommer 2012 brach ich für vier Tage zu einer Reise auf. Im Rahmen des Blogs veröffentlichte ich damals meine Berichte, die Leuchtturmtagebücher. Da ich finde, dass sie eine Sonderstellung inmitten der sonstigen, verwelkenden Artikel und Wegwerf-Poesie einnehmen, habe ich sie hier noch einmal zusammengetragen.

Ich bin wieder da. Die Temperatur ist gesunken und der Regen ist zurückgekehrt. Hinter mir liegen 15 Leuchttürme in 4 Tagen und eine Strecke von über 1000 Kilometern quer durch die norddeutsche Pampa; endlose Landstraßen, Deiche und goldgelbe Felder. Es gibt natürlich wesentlich mehr Leuchttürme an der Nordsee. Man hätte auch zu den vielen Inseln aufbrechen können - nur wäre das viel zu teuer geworden. Wir sind geblieben, bis das Geld und der Tank alle waren. Ein Hauch von Abenteuer, möchte man meinen. Und ja, Idealismus fühlt sich großartig an. Scheiß auf jede Pauschalreise in den Süden. Scheiß auf jeden Kurztrip nach Dubai. Scheiß auf Mallorca und die Türkei. Scheiß auf Tauchen in Ägypten. Scheiß auf jede Hotelanlage, jeden Pool und jeden Campingplatz. Es gibt nichts Schöneres, als einer Idee hinterher zu jagen, einer eigenen Idee. Nichts ist mehr wert.

Meine Augen und Ohren waren immer geöffnet. Natürlich bin ich darauf vorbereitet, Euch umfassend über die Geschehennisse des Weges zu unterrichten. Jeden Abend habe ich, vor dem Schlafen, die Dinge, die mir aufgefallen sind, in mein kleines Angebernotizbuch gekritzelt. Vieles kann man überhaupt nicht lesen, aber keine Sorge, ich habe das Hirn eines Elefanten (und auch seine Handschrift). Ich habe mir die Mühe gemacht, mit Hilfe von Google, alle Stationen und Wege der Reise zu verbildlichen. Gott schütze unsere modernen Zeiten. Fragt mich nicht, warum ich so pedantisch bin. Verwechselt mich außerdem bitte nicht mit einem der Trillionen von dämlichen Hobbyfotografen, die ständig, mit ihrer Spiegel-Reflex vom Weihnachtsgeld, Nasenlöcher aus der Hocke heraus, und Baumrinde aus einem Abstand von einem Zentimeter fotografieren, um ihre Idiotenfreunde bei Facebook zu beeindrucken. Ich bin keine Nikon! Alles, was ich sehe, ist schöner als dass, was auf den Fotos davon übrig bleibt. Außerdem würde selbst ein Klumpen Scheiße gut aussehen, wenn man so einen Effekt darüber legt. Und doch gehören die Bilder dazu, verdeutlichen sie doch die Eindrücke. 

Und jetzt Schluss mit den Einleitungen: Dies ist die Geschichte meiner Reise. Dies sind die Leuchtturmtagebücher.

Die Leuchtturmtagebücher

Tag 1:


Es ist merkwürdig, wenn man sich überlegt, wie unglaublich nah, die fast schon plakative Nordseeküste liegt. Es sind nur 1 1/2 Stunden bis Westerhever. Man hat das Gefühl, gerade erst den Speckgürtel Kiels verlassen zu haben, da ist man schon in einer anderen Welt; einer Welt, die wirkt, als laufe man mitten durch die Postkarten-Idylle eines Jever-Werbespots. Als wir das erste Mal kurz vor Westerhever an einem Deich halten, habe ich fast ein schlechtes Gewissen, meine Kippe glanzlos aber effektvoll in diese Umgebung zu schnipsen. Alles wirkt so aufgeräumt und harmonisch. Die Hitze des Sommers kam nun doch irgendwie überraschend. Während ich meinen Arm aus dem offenen Beifahrerfenster baumeln lasse, strömt ein frischer Geruch ins Auto, den nicht zuordnen kann. Am ehesten würde ich zu Pfefferminz tendieren, wenn ich mich entscheiden müsste.

Der NDR hat den Leuchtturm von Westerhever zum Schönsten in Norddeutschland erwählt. Dort sollte also auch die Reise beginnen. Das Beste zu Anfang, wie es so schön heißt. Ein dicklicher Nervsack von Parkwächter bemüht sich nach Kräften, durchgehend Plattdeutsch zu sprechen und verlangt stattliche 3 €, als wir auf den einzigen ausgeschilderten Parkplatz mitten im Nirgendwo abbiegen. Wir hatten keine Ahnung, dass sich Parkplatz und "Infohus" (When Plattdeutsch goes wrong) satte 3,5 km entfernt vom Leuchtturm befinden. Inzwischen waren 30°C und Ebbe. Obwohl sich nur Wasser zwischen uns und England befindet, scheint die Luft zu stehen; nicht einmal der Hauch eines leichten Windes weht. Ich ärgere mich über meine eigenen Erwartungen. Wahrscheinlich hatte ich mir vorgestellt, wir fahren einfach von Leuchtturm zu Leuchtturm und halten direkt davor - wie bei McDrive. Das T-Shirt beginnt an meinem Körper zu kleben und der Horizont verschwimmt immer wieder mit dem Weg, wie der Highway in einem kitschigen, amerikanischen Film. Doch je näher wir dem Leuchtturm kommen, desto mehr wächst auch die Erkenntnis, dass sich der Weg gelohnt hat. Außerdem sieht er aus einigen Perspektiven aus wie ein Penis, da direkt neben dem Turm zwei identische kleine Häuser stehen.

Westerhever
"Die Landschaft sieht aus wie in einem Albtraum..."
Auf dem Rückweg fällt mir auf, wie surreal die Umgebung um mich herum wirkt, jetzt wo ich das Ziel nicht mehr direkt vor Augen habe. Die Landschaft sieht aus wie in einem Albtraum, aber irgendwie schön. Der Weg wird immer länger und die Temperaturen machen die kleinsten Bewegungen zu schier unüberbrückbaren Herausforderungen - zumindest für unsere verweichlichten Stadtkörper.

Der Leuchtturm in St. Peter Ording ist verflucht noch mal unauffindbar. Wir entscheiden uns kurzerhand, auf den Leuchtturm zu scheißen und stattdessen irgendwo ein Bier zu trinken. Am Nebentisch sitzt eine Familie, die ihrem Akzent nach zu urteilen, aus England angereist ist. Der Vater der Familie hat sich scheinbar sogar die Mühe gemacht, einige rudimentäre Dinge auf Deutsch zu lernen. Selbst die Kinder sagen "Danke", als die Kellnerin ihnen ihre Pommes bringt. Ob sich die deutschen Touristen auch so im Ausland verhalten? SPO, wie ich St. Peter Ording nennen darf, scheint ein klassischer Urlaubsort an der See zu sein. Überall Anker und Schwimmringe, um auch den größten Idioten darauf hinzuweisen, dass er sich in einer Stadt am Meer befindet. Überall Kinder in Badekleidung, Hunde, Bierbäuche und braun-gebrannte Hängetitten. Von Zeit zu Zeit fährt auch das obligatorische Scheißauto, voller glotzender Spastis mit freiem Oberkörper, mit heruntergelassenen Fenstern und lauter Musik durch den Ort. Trotzdem notiere ich mir SPO auf der imaginären Liste von Orten, zu denen ich mit meinen Kindern in den Urlaub fahren könnte, wenn ich denn welche habe.

Büsum
Durch Anstrengung und Hitze ist Büsum bereits in dem Moment völlig egal, indem ich den Leuchtturm gefunden habe und ein Krabbenbrötchen in der Hand halte. Im Prinzip ist das auch alles, was es über Büsum zu sagen gibt, außer, dass es ziemlich scheiße ist, wenn man die falsche Seite des Hafens langläuft, um dann, kurz vor Schluss, festzustellen, dass sich der Leuchtturm gegenüber befindet.

Im Hafen liegt ein stinkender Fischkutter unter schwarz-weiß-roter Flagge. Hoppla! Ein volltätowierter Glatzkopf im Blaumann säubert gerade die Netze und beschallt den ganzen Hafen mit irgendwelcher Nazimusik, die wie die Punk-Versuche einer Schülerband klingt. Ich wette, der bildet sich richtig etwas ein auf sein ehrliches, aussterbendes Handwerk. Der Strand ist hermetisch durch Geldeinsammler abgeriegelt. Als ich klein war, haben Strände noch kein Geld gekostet.

"Alles scheint Teil eines riesigen Windkraftrads zu sein..."
Wir verlassen die See und fahren Richtung Elbe, wo wir uns eine Unterkunft für die Nacht organisiert haben. Alles sieht gleich aus, sobald wir der Küste den Rücken kehren. Die Landschaft hat sich verändert. Die Deiche und die Pfefferminzwiesen sind verschwunden; wir könnten überall sein, Niedersaschen, Schleswig-Holstein oder Mecklenburg; endlose Felder, Reiter- und Bauernhöfe. Alles scheint Teil eines riesigen Windkraftrads zu sein, als bräuchten wir die ganzen Kohle- und Atomkraftwerke wirklich nicht mehr. 

Irgendwann biegen wir ab und halten vor einer alten Scheune und einem geräumigen Haus mit großem Garten. "Sie haben ihr Ziel erreicht", gart die Frau aus dem Navigationssystem. Während der Vermieter uns begrüßt und in das kleine Zimmer unter dem Dach geleitet, überlege ich krampfhaft, an welchen Schauspieler er mich erinnert. Für 46 € hätte ich zumindest ein Badezimmer erwartet. Nein, Gemeinschaftsbad. Wundervoll. Ein Franzose mit dickem Wagen, der einzige Gast außer uns, hat mir ein paar schwarze Haare auf dem Grund der Dusche zurückgelassen, so als kleines Suprise wahrscheinlich. Merci beaucoup, du haariger Wichser! 

Das Zimmer ist schrecklich aufgeheizt, aber der Schlaf erwischt mich bereits kurz nachdem ich mich hingelegt habe.
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Tag 2:

Glücksstadt
Als ich aufwache, habe ich Mühe, mich zu orientieren. Keine Ahnung, wie die Stadt heißt. Keine Ahnung, in welchem Bundesland ich bin. Ich putze meine Zähne und sehe mein rotes Gesicht im Spiegel. Die Vermieterin sitzt mit einer Oma in der Küche und spricht irgendeine völlig unidentifizierbare Mundart. Ich habe mein Leben lang an der Küste gelebt, aber nun beginnt Plattdeutsch mich zu nerven. Wir dringen in Regionen vor, in denen man "Jau" statt "Jo" sagt. Das ist absurd. Jetzt steht schon "Schiethus" an den öffentlichen Toiletten. Schwachköpfe. Das ist weder niedlich noch urig - das ist behindert. Beim Zusammenpacken ramme ich zweimal meinen Kopf unabsichtlich gegen dasselbe Fenster. Es ist die große Woche des Hirnzellengenozids. Die Vermieterin winkt uns zum Abschied. Ich winke zurück. Hach. Am Ende der Straße gibt es einen Topkauf, einen Supermarkt in der Provinzvariante. Heilfroh greife ich die einzige Sonnenmilch im Sortiment und eine Schachtel Gauloises. "Na, geht's in die Sonne?", fragt die Kassierin. Ihr messerscharfer Verstand macht sie zu einer Verschwendung, hier in an der Kasse des Pampa-Discounters. "Sieht ganz so aus", sage ich mit einem unechten aber charmanten Lächeln. Die Fahrt geht weiter.

Kleiner Leuchtturm am Ufer
Gegen 10.00 Uhr erreichen wir Glücksstadt. Hier die Elbe zu überqueren, war wunderbar und ersparte uns dazu den Umweg über Hamburg. Ich mag Hamburg einfach nicht. Während wir auf die Fähre warten, entdecke ich einen kleinen Leuchtturm am Ufer. Direkt am Fähranleger befindet sich ein kleiner Imbiss/Stehkneipe mit dem zauberhaften Namen "Happytown Beachclub". Versteht ihr, Happytown - Glücksstadt? Fantastisch.

Die Fähre ist klein und funktional, aber es gibt ein Deck mit ein paar Bänken, das man über eine Stahltreppe erreicht. Kinder haben sich bereits am Geländer gesammelt und zeigen voller Begeisterung auf irgendwelche Punkte am Horizont. Ihre Eltern ignorieren das größtenteils. Als wäre das ein scheiß Kreuzfahrtdampfer. Aber ich renne auch sofort hoch, nachdem ich die Fahrkarte gelöst habe. Wie kann auch so verbittert sein und nicht mal mehr auf einer Fähre aussteigen? Ich atme tief ein - selbst, wenn ich keinen besonderen Unterschied wahrnehme. Die Morgensonne hat den Tag bereits auf über 20°C erhitzt - der leichte Wind, der auf der Elbe weht, fühlt sich großartig an, nach all der Wärme und dem Schweiß vom Vortag. Am Ende des Flusses kann man den unheilvollen Schatten der Großstadt erahnen.

Elbfähre
  
"Wir umfahren ein kleines Leuchtfeuer..."
Wir umfahren ein kleines Leuchtfeuer und ich entdecke einen weiteren Turm am anderen Ufer der Elbe. Man vergisst fast, dass man auf einem Fluss ist - und nicht auf dem Meer. Als wir uns Wischhafen langsam nähern und im Auto sitzen, beginnt die Luft nach Fischabfällen und Motoröl zu riechen. Ich kenne den Geruch gut - gemocht habe ich ihn nie. Im Nachbarwagen fächert sich eine ältere Frau unentwegt die stinkende Luft zu. Das ist wohl maritimer Charme zwischen ihren Nasenflügeln: Motoröl und Fischabfälle. Oder es erinnert sie an etwas. Ich muss bei dem Geruch an den kleinen Hafen in Norwegen denken, an Urlaube mit meinen Eltern, an Angelausflüge, Wellengang und Kotze. Der Geruch schlängelt sich allmählich durch die Kanäle der Klimaanlage und setzt sich in meiner Nase fest.

Auf dem anderen Ufer versuchen wir sofort mithilfe der Karte herauszufinden, welchen Leuchtturm ich von der Fähre aus gesehen habe. Nach ein paar Käffern geht eine Landstraße links ab und führt uns zu einem hässlichen Campingplatz direkt am Leuchtturm. Treffer. Zum Glück müssen wir nicht auf dem Campingplatz parken. Camper sind Abschaum. Ja, alle. Im Radio singt Angus Stone "End of the World". Er hat Recht.

Elbinsel Krautsand
Am Kanal
Danach orientieren wir uns wieder Richtung Meer. Die Landschaft wird schöner. An einigen Häusern baumeln rote Fahnen mit weißem Pferd - wir sind in Niedersachsen. Lange Zeit sieht alles gleich aus. Maisfelder, Getreidefelder, Mähdrescher, Bauernhöfe, doch dann sind wir wieder am Ozean. Otterndorf. Nie zuvor gehört. Wir halten an einem kleinen Kanal. Die Anwohner beäugen uns kritisch, als ich, mit Sonnenbrille und Kippe im Mund, aussteige. Eigentlich ist es ganz schön hier. Ein paar Meter entfernt liegt ein Boot vor Anker. Kinder springen über die Reling und lachen sich schlapp, während Mutti an Deck sitzt und Nicholas Sparks liest oder so.

Die dicke Berta
Wir fahren weiter bis kurz vor Cuxhaven. Alle Häfen hier scheinen mit "v" geschrieben zu werden. Überbleibsel vergangener Zeiten. Wir packen neben zwei Spastis. Der auf dem Beifahrersitz hat die Tür weit offen und mustert mich skeptisch. Halstattoo und Eisteeflache. Ich steck' das Navi vorsichtshalber ein. Die Provinzidioten sehen auch überall gleich aus. Captain Halstattoo könnte auch problemlos irgendwo in Mecklenburg auf dem Parkplatz einer Tankstelle rumlungern und scheiße aussehen, in seinem getunten Kleinwagen. Ich hab nie verstanden, warum Leute ihre billigen Kleinwagen zu solchen Tuning-Perversionen ummodelieren. Ist das nicht eine Verschwendung bei solchen Schrottkarren? Wenn das nun irgendein dicker, teuerer Wagen wäre, den man dadurch proletenmäßig veredeln könnte. Aber so? Ist das nicht, als vergolde man eine Casio-Uhr?

Ebbe in Dorum
Als wir von der Autobahn abfahren, sind wir fast in Dorum. Langsam entspricht die Umgebung wieder dem Postkartenklischee, das ich von der Nordsee habe. Dorum ist ein typisches Badenest; riesiger Strand, riesiger Campingplatz (voller Abschaum), Jack Wolfskin Store, Fischrestaurants. Es ist Ebbe. Der Leuchtturm sieht fantastisch aus. Er stand einst im Meer und wurde erst 2003 an seinen heutigen Standort versetzt. Nach einer Verlegung der Schifffahrtsruten verlor er seine Aufgabe als Leitfeuer. Bis in die neunziger Jahre sollte er Schiffbrüchigen als Zufluchtsstätte dienen. Nun steht er funktionslos und kastriert am Strand, direkt neben einem Campingplatz (voller Abschaum). Dort sitzen sie vor ihren ekligen Wohnwagen und bräunen ihre fetten Körper, während sie Bier saufen und den Mädchen am Strand auf die Ärsche glotzen. Trauriges Schicksal. Zumindest das, des Leuchtturms. 1886 ist er gebaut worden; genau 100 Jahre vor meiner Geburt. Das kann nun wirklich kein Zufall sein. Ich mag ihn, entthront und deplaziert, sein eigener Grabstein. In vielen Leuchttürmen gibt es die Möglichkeit zu heiraten. Obereversand sieht dazu wahrscheinlich zu düster aus. Vor ihm wollen sich keine Bräute mit schwabbeligen Oberarmen und Krönchen auf dem Kopf fotografieren lassen. Das macht ihn nur charmanter.

Leuchtturm Obereversand (heute in Dorum)
Im Ort setzen wir uns in ein Restaurant. Ich bestelle ein "Krabbenbrot" und bin bis ins Mark erschüttet, als ich auf der Rechnung sehe, dass es 15 € kostet. Das kommt dabei raus, wenn man nicht in die Karte guckt, beim Bestellen. Dekadenz hat tatsächlich ihren Preis. Dann gibt es zum Abend eben nur Brot. Geschmeckt hat es trotzdem. Außerdem macht die Hitze verzweifelt. Jede Möglichkeit, im Schatten zu sitzen und etwas zu trinken, ist unbezahlbar und wundervoll.

Der kleine Preuße, Wremen
Der letzte Stopp, bevor wir in die heutige Unterkunft fahren, ist Wremen. Direkt am Deich steht ein großes Hotel mit Meerblick. Das wär' ein Ort für Flitterwochen. Die nächste große Stadt wirft ihre Schatten voraus. Am Horizont der Wesermündung erkennt man deutlich die Kräne Bremerhavens. Frachter kreuzen vor uns, als wir den letzten Leuchtturm für heute erreichen. 5 Meter Sehenswürdigkeit. Ich habe keine Ahnung, der wievielte Leuchtturm das heute ist. Irgendwie ist es auch egal.

Wir setzen uns auf die Mole, halten unsere Füße ins Wasser und genießen die letzten Sonnenstrahlen. Das Wasser ist kalt und immer wieder müssen wir höher rutschen. Die Flut kommt langsam. Laut Navi sind es nur fünfzehn Minuten bis Imsum, einem kleinen Vorort von Bremerhaven. Das Pensum des Tages steckt uns in den Knochen, doch wir sind begeistert, wie reibungslos alles bisher geklappt hat. Es ist ruhig. Selbst die Assi-Weiber, die ein paar Meter weiter sitzen und rauchen, sind kaum zu hören. Am Horizont kann man die Silhouette eines anderen Leuchtturms erkennen, unerreichbar auf dem Meer. Hier ist perfekter Ort.

"Hier ist ein perfekter Ort."

Imsum ist eine vertrocknete Eigenheimsiedlung mit Hauptstraße; ein paar Bushaltestellen, ein paar Briefkästen, sonst nichts. Als wir an der Adresse ankommen, sind wir uns nicht sicher, ob alles richtig gelaufen ist. Es war schwer, für heute eine Unterkunft zu bekommen. Nachdem wir immer wieder am Telefon abgewiesen wurden, verwies man uns an eine andere Nummer, eine Frau aus der Nachbarschaft. Diese verwies uns dann wiederum an eine andere Nummer, und so sind wir letztendlich hier, in Imsum gelandet. Niemand geht an die Tür. Niemand nimmt das Telefon ab. Nach einer Ortsbegehung ohne nennenswerte Vorkommnisse haben wir dann doch Glück. 40 €, sauberes Zimmer, ein paar peinliche Bilder vom Schützenverein an der Wand. Wieder unterm Dach. Wieder schrecklich heiß.

Abends kann ich nicht einschlafen. Ich höre Geräusche auf der Treppe. Mir wird klar, dass niemand weiß, wo wir genau sind, die Tür nicht abgeschlossen ist, und, dass ich nicht einmal ein Taschenmesser bei mir habe. Wir sind mitten im Nichts, zwischen Eigenheimen und Maisfeldern. Das kommt davon, dass nur noch CSI und Two and a half man im Fernsehen laufen. Jetzt wittert man überall kranke Mörder und Fallen. Soll ich aufstehen und nachsehen? Die Geräusche werden lauter und formen sich zu Schritten in meiner Phantasie. Ich stehe auf, stolpere durch die dunkle Monteurswohnung und stoße mich überall. Ich weiß nicht, wo Lichtschalter sind und alles ist fremd. Kurze Panik. Dann Nichts. Alles ist ruhig. Scheiß drauf, geh' zurück ins Bett, Cowboy!

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Tag 3:


Die Kräne Bremerhavens
Wir leben! Keine Mörder. Kein Hinterhalt. Auf der Dachterrasse bemerke ich eine aufdringliche Katze. Sie lässt wirklich nichts anbrennen und springt mir auf den Schoß, während ich meine Guten-Morgen-Zigarette rauche - dabei kennen wir uns nun wirklich nicht lange. Die Kräne Bremerhavens begrüßen mich. Heute überqueren wir die Weser. Ich bin noch nie zuvor in dieser Gegend gewesen - ich scheine nichts verpasst zu haben.

Der Vermieterin zufolge gibt es in der Umgebung tatsächlich nicht einmal einen Bäcker. Scheißnest. Ich konnte mich nicht konzentrieren, als sie mir am Vorabend eine Wegbeschreibung gab, weil die Kinder im Pool der Nachbarn wie Tiere geschrien haben. Gottseidank wohn' ich nicht hier. Als wir losfahren, habe ich keine Ahnung mehr, wo genau wir irgendetwas zu essen finden. Die Vorräte sind aufgebraucht und unsere Mägen leer. Apfel essen. Motor an. Los.

Bremerhaven ist nicht schön, soweit ich das von der Autobahn aus beurteilen kann. In der Stadt sind irgendwelche dämlichen Hafentage. Nein danke. Kein Bäcker weit und breit. Wir tippen wahllos irgendeinen Ort auf dem anderen Flussufer ein. Dort würden wir essen. Der Verkehr ist noch relativ entspannt, als wir den Wesertunnel durchfahren. Früher, in Norwegen, habe ich immer versucht, die Luft anzuhalten, wenn wir durch einen der vielen Tunnel gefahren sind. Die Anderen im Auto haben dann auch mitgemacht. Ich habe es immer bis zum Schluss ausgehalten, ganz ehrlich. Auf der anderen Weserseite sind wir zurück in der Einöde. Hier gefällt's mir.

"Endlich Frühstück gegen 12.00 Uhr"
Und dann ist auf einmal eine der Hauptverkehrsschlagadern gesperrt. Ich bekomme einen Wutanfall und bin kurz dabei das verschissene Navigationsgerät aus dem scheiß Fenster zu schmeißen. Wegen der Vollsperrung sind wir vom Highway abgefahren und durchqueren nun Orte, die so verfickt klein sind, dass unser Atlas (!) es nicht für nötig hält, sie aufzuführen. Engspurige Wege durch irgendwelche inszetuösen Friesennester voller gaffender Rentner mit Rasenmähern. "Wenn möglich, bitte wenden." - "Halt deine scheiß Fresse, du dämliche Hure!" Ich sage noch mehr Dinge. Böse Dinge. Die dunkle Seite ist stark in mir. Früher wurden mal Alternativrouten errechnet. Ich kündige groß an, dass wir das Scheißding wegwerfen, und ich ein neues kaufe. Dann rauch' ich eine und kriege mich wieder ein. Und ich bin nur Beifahrer. Nicht auszudenken, wie ich fluchen würde, wenn ich selbst Auto fahren würde. Wir überlegen, wo wir ungefähr sein könnten und suchen uns ein neues Ziel. Es gibt für alles eine Lösung. Jade. Klingt schön, oder? Jade ist ein Kaff, aber in Jaderberg werden wir fündig. Keine Ahnung, ob das ein Ortsteil oder etwas Eigenständiges ist. Endlich Frühstück gegen 12.00 Uhr: Berliner und Schinken-Käse-Brötchen. Alles wird ruhiger. Ein leichter Wind weht, aber die Sonne lässt uns nicht vergessen, dass Sommer ist.

Wilhelmshaven
Wir Tanken und suchen einen Autobahnzubringer. Ziel: Wilhelmshaven. Als wir von der Autobahn abfahren, sehen wir bereits den Leuchtturm. Verglichen mit den Türmen von gestern, wirkt dieser irgendwie profillos und supermarktmäßig. Ein paar Trottel mit Motorrädern halten auch auf dem kleinen Parkplatz. Lederhosen sind immer dämlich bei Männern. Immer! Nein, auch Cowboys und Wrestler sehen bescheuert aus in Lederhosen. Da stehen sie nun und bilden sich was ein auf ihr wildes Wochendleben. Idioten. Aber Montag ist die Bikerromantik wieder vorbei, und sie kehren zurück in ihre langweiligen Leben und ihren Ehefrauen mit den gemachten Nägeln und farbigen Leggins. Die Hafenindustrie wirft ihre Schatten voraus. Wir steigen ein und fahren weiter.

Die Strecke verläuft fast direkt am Wasser. Uns sind erst einmal die Leuchttürme ausgegangen. Wir beschließen einen kleinen Hafenort anzufahren, von dem aus wir eventuell einen Turm auf See sehen könnten. Ein kleines Riesenrad steht direkt am Pier. Ein bisschen friesischer Brighton-Flair - nur ohne Szene und Künstler. Mit Mühe befrei ich mich selbst aus den Fängen des Souveniergeschäfts. Das ist ein verdammter Fluch. Ich finde überall etwas. Ich kaufe einen kleinen Holzleuchtturm und vier (!) kleine Fläschchen mit Strandsand. Ich verliere niemals meinen Sinn für Pathos.

Neuhardingersiel

Hotelzimmer
Danach fahren wir in ein anderen kleines Nest an der Küste. Für heute Nacht haben wir uns in einem kleinen Hotel (mit Frühstück) einquartiert. Ab mittags hätten wir schon einchecken können - warum also nicht schon mal hinfahren und gucken. Das Zimmer ist in Ordnung und die Empfangstussi nett. Kühlschrank und Badezimmer. Zurück mit Komfort. Sie sagt, dass es nicht weit bis zum Wasser sei, und beschreibt mir den Weg. Dieses Mal höre ich zu. Nach etwa zehn Minuten Fußweg erreichen wir den Deich. Es hat sich ein wenig abgekühlt und selbst der Radweg vor dem Deich ist menschenleer. Wunderbar! So hatte ich mir das auch vorgestellt. An einigen Stellen muss man zwar gut auf die eigenen Füße achten, bewegt man sich doch auf einem Minenfeld aus Schafscheiße, doch nimmt das dem Ganzen keineswegs seine bezaubernde Wirkung.

Auf dem Deich
"..und orientieren uns Richtung Wasser."
Auf der anderen Seite angekommen, klettern wir über einen dieser Naturschutzzäune und orientieren uns Richtung Wasser. Die Landschaft ist fantastisch und es ist still. Ich komme mir vor, wie in der harmonischen Idylle eines Folk-Musikvideos. Ich bin ein zorniger Motherfucker, aber hier muss ich unwillkürlich lächeln. Allein dieser Ort rechtfertigt den ganzen Trip.

Die Gräser am Wasser sind trocken von der ewigen Sonne; wir brauchen keine Decke. Während das Meer behutsam und stilecht vor sich hin rauscht, starre ich in den klaren Himmel und bin zufrieden. Von hier aus sieht man tatsächlich einen Leuchtturm, auf einer Insel draußen im Meer. So habe ich mir das alles vorgestellt. Ich bin entspannt und genieße jede Minute.

Draußen auf dem Meer

"Ich wär' gern noch einmal dort."
Wie lange wir wirklich dort unten waren, weiß ich nicht. Ich wär' gern noch einmal dort. Irgendwann richten wir uns einfach wieder auf und gehen zurück. Wir kommen an einem kleinen Restaurant vorbei. Noch bevor ich beschließen könnte, dort irgendetwas zu essen, sehe ich den dicklichen Koch schwitzend aus der Hintertür stampfen. Ich esse bestimmt nichts, was dieser Typ vorher in der Hand hatte. Er zündet sich eine Zigarette an. Dann eben Sandwiches auf dem Zimmer. Das Bier aus der Hotelbar kostet tatsächlich nur einen Euro! Jever. Es fühlt sich herrlich an, in der weißen Hotelbettwäsche zu liegen und Bier zu trinken. I never lost Rock'n'Roll. Zufrieden schlafe ich ein, während im Fernseher irgendein Rotz läuft.
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Tag 4:


Das Erste, was ich sehe, ist ein von Wolken verhangener, dunkler Himmel. Der Wecker hat noch nicht geklingelt, aber ich weiß instinktiv, dass er kurz davor ist, es zu tun. Es liegt bereits in der Luft, die Stille, bevor mein Handy die Faded Paper Figures "B Film" immer lauter singen lässt. Ich streife mir schnell meine Klamotten über und schließe die Tür leise hinter mir. Im Treppenhaus hört man die Menschen; ihr Packen, ihr Gerede. Ich nicke der Empfangstussi zu und gehe erst einmal vor die Tür, um eine zu rauchen. Französisches Frühstück vor dem Frühstück: Gauloises. In einem gläsernen Anbau sitzt die Gemeinde aus Touristen, isst und quatscht, lacht und herzt. ein riesiger Mann stapft immer wieder labernd durch die Gänge und füllt Kaffee auf. Das muss der Hausherr sein. Er sieht schon aus, als würde er einem auf den Sack gehen: Ein riesiger Pseudo-Seebär, der auch auf dem Fischmarkt Passanten vollquatschen könnte, mit 'nem Aal in der Hand. Unangenehm. Unten, im Foyer, hängen drei gerahmte Urkunden an der Wand. Als ich nähe trete und die fernöstlichen Zeichen darauf sehe, muss ich schon schmunzeln; asiatischer Naturheilkundeschwachsinn. Der Hausherr ist offensichtlich ein Meister im Reiki. Ja, er hat den ersten, den zweiten und den dritten Grad (Meistergrad)! Nicht schlecht, oder? Und das auch noch innerhalb von drei Monaten. Ich würde jedem sofort meine Wirbelsäule anvertrauen, der sich im Rausch eines beknackten Midlife-Crisis-Esotherik-Trips sein Geld für so einen Dünnschiss hat aus der Tasche ziehen lassen. Andere kaufen sich ein Motorrad - der Hausherr wird Homo-Miyagi. Wahrscheinlich hatte er selbst einen Bandscheibenvorfall oder so und hat im Zuge dessen, von alternativen Heilmethoden im Internet gelesen. Und nun hat er sich dazu berufen gefühlt, irgendetwas zu tun, jetzt wo er in den Wechseljahren ist. Die Welt ist voll von Leuten, die dümmeren Leuten das Geld aus der Tasche ziehen. Ein ewiger Kreis. 

Der Himmel sieht düster aus, und die Luftfeuchtigkeit ist ins Unermessliche gestiegen. Ich fühle mich, als würde sich ein klebriger Film auf meine Haut legen und mich erdrücken. Es ist noch nicht einmal 10.00 Uhr, und schon liegt ein Gewitter in der Luft. Man möchte meinen, das erleichtere einem den Abschied. Irgendwie ist das tatsächlich ein bisschen so. Das Frühstück war OK und der Reiki-Sensei hat uns in Ruhe gelassen. Seine Frau bietet uns noch an, eine weitere Nacht zu bleiben, doch wir lehnen ab. Das Hotel war wirklich in Ordnung; ich wär gern noch geblieben, doch wir haben eine Mission. Nur noch ein Leuchtturm auf der Agenda: Pilsum. Erinnert sich noch jemand an "Otto - Der Außerfriesische"? Ich leider ja.

Pilsum
Über eine Stunde lang brausen wir auf Frieslands Landstraßen, bis wir Pilsum erreichen. Alle Orte enden mit "-siel" hier draußen. Außer Pilsum natürlich. Auf dem Parkplatz in der Nähe des Leuchtturms müssen wir dann feststellen, dass das Geld fast weg ist. Ein Fünfziger und ein Euro Kleingeld. Da der Parkautomat keine Fünfziger nimmt, sind wir auf die Gnade einer Rentnerin angewiesen, die uns ihr Parkticket schenkt. Vielleicht ist die Menschheit doch noch nicht verloren. Die kleine Würstchenbude und die öffentliche Toilette haben noch nicht geöffnet. Obwohl alles so nebelverhangen ist, kann man die Umrisse holländischer Industrie auf der anderen Seite des Wassers erkennen. Auf dem Deich weht ein leichter Wind, der den klebrigen Film von der Haut zieht, den die Schwüle zuvor dort hinterlassen hat. Vor uns geht ein kleiner Junge, der seinen Vater darauf hinweist, dass der Leuchtturm gar nicht blinken würde. Verdammt richtig. Die Witterung würde es zulassen.

Hochzeitsgesellschaft in Pilsum

Je näher wir kommen, desto mehr zeigt sich auch das Übel: Im Leuchtturm gibt es ein Standesamt. Ich erkenne eine dickliche Braut mit Krönchen und einen Bräutigam mit Sonnenbrille und Bürstenschnitt, der sich offensichtlich für einen Türsteher oder das Abziehbild eines Draufgängers hält. Die Zeremonie ist beendet und es wird zum Hochzeitsfoto ausgeholt. Muss das wunderbar sein, auf dieser Erinnerung für die Ewigkeit, einen Haufen unbeteiligter Fremder in kurzen Hosen zu sehen, wie sie mit ihren umgehängten Kameras und ihren Gürteltaschen das kitschige Romantik-Utopia des trotteligen Brautpaars besudeln. Tür auf: Das nächste Brautpaar tritt hervor, nachdem es den heiligen Bund der Ehe offensichtlich zum erneuten Male geschlossen hat. Die Braut trägt grau und wirkt auch so. Ihr Glanz muss vor Jahren, nach der ersten Hochzeit erloschen sein. Das nächste Paar lässt sich trauen. Fließband! Und wir haben nicht einmal irgendein bescheuertes Schnapszahldatum. Als ob das auch etwas ändern würde. Für ein paar Minuten sitzen wir auf dem Deich und beobachtet dieses Theater der Peinlichkeiten und lachen einfach. Kein Zorn, keine Rage. Es ist einfach irgendwie witzig, sie alle dabei zu beobachten, wie sich so furchtbar ernst nehmen. Wir verlassen Pilsum, nachdem wir einem jungen Familienvater unser Parkticket in die Hand gedrückt haben. Wahrscheinlich ist es heute noch gültig.

Greetsiel
Auf dem Hinweg haben wir die erhobenen Masten eines kleinen Hafens gesehen. Wir beschließen, dort nach einem Restaurant zu suchen. Noch einmal die Kohle raushauen, ein kleiner, harmonischer Funken Dekadenz, bevor wir in den Regen und den Sturm Kiels zurückfahren. Wir finden Greetsiel, ein beschauliches und idyllisches Fischernest voller Restaurants und kleinen Boutiquen. Wieder spendiert uns jemand das Parkticket. Es muss auch solche Tage geben. Der Zugang zur öffentlichen Toilette neben dem Bernsteingeschäft bleibt uns jedoch verwehrt. Komisches Gefühl. Ich bleibe vor einem Uhrenladen stehen und sofort fällt mir eine Automatikuhr ins Auge. 2000 €. Ob ich mir so etwas jemals werde leisten können? Ich habe noch nie in meinem Leben 2000 € besessen.

Restaurant
Wir entscheiden uns, in das erste Restaurant, direkt am Wasser zu gehen. Weil ich nicht draußen, zwischen den ganzen Menschen, sitzen will, nerve ich rum, dass es doch innen bestimmt angenehm kühl sein wird, in so einem gehobeneren Laden. Ja, das war ein Irrtum. Drinnen ist es mindestens genauso heiß, wie draußen. Merkwürdiger Laden. In der unteren Etage sind Weinflaschen bis an die Decke gestapelt. Eine Vinothek. Da hatte wohl jemand einen Traum. Die Kellnerin mustert mich skeptisch, als ich eine große Cola bestelle. Irgendwie tun die sich immer schwer damit. Ich bekomme meine Cola in einem 0,5-Liter-Bierglas. Damit kann ich leben. Mein Flammkuchen mit Speck und Lauch ist köstlich. Der Teig ist fantastisch. Wir zahlen und schlendern zurück. Vorbei am Meer. Vorbei an den kleinen Fischkuttern. Vorbei an den Restaurants. Vorbei an den Touristen. Vorbei an die Läden mit den teuren Uhren. Vorbei am malerischen Idyll dieses kleinen Nests. Wir lassen die Masten des Hafens hinter uns und setzen uns in unser glühend heißes Auto.

Greetsiel

Der Verkehrsfunk wirft einen ersten großen Schatten auf die Rückreise. Vier Tage lang haben wir uns nun immer weiter von zu Hause entfernt. Jetzt wollen wir so schnell wie möglich den Rückweg hinter uns bringen. Das Geld ist alle, unsere Haut ist braun und ich bin wirklich entspannt. Wenn dein Pferd tot ist, steig ab. Zum Test gebe ich in das Navi ein, dass wir Autobahnen meiden wollen. 6 1/2 Stunden würde das dauern. Wir lachen und fahren los, Richtung Autobahn. Die Hiobsbotschaften werden immer schrecklicher und kurz hinter Bremen kommen wir tatsächlich das erste Mal zum Stehen. Die Stimmung kippt ein wenig. Je näher wir Hamburg kommen, desto schlimmer wird es. Im Verkehrsfunk tun die immer alle so, als kämen die ganzen Staus zwischen Hamburg und Bremen aus dem Nichts; als wäre das verschissene höhere Gewalt. Dass man da jedoch von einer scheiß Großbaustelle, in die nächste fährt, fällt irgendwie unter den Tisch. Nach 6 1/2 Stunden sind wir in Kiel. Ironie schmeckt bitter, wenn sie einen in den Nacken trifft.

Als ich abends auf dem Balkon stehe und rauche, entdecke ich den Lichtschein eines Leuchtturms auf dem dunklen Wasser der Kieler Förde. Der ist mir noch nie zuvor aufgefallen. Ich bin zufrieden und blicke hinaus auf das kleine Lämpchen, das immer wieder das Dunkel durchbricht. Es waren wunderbare Tage, in goldgelbes Licht getaucht. Ich habe schöne und irgendwie magische Erinnerungen in mein Gedächtnis gebrannt. Am Ende kommt es auf die Qualität von ihnen an. Ich erinnere mich trillionenmal lieber an diesen kleinen Funken Abenteuer, als daran, vor irgendeinem scheiß Hotel auf einer Liege gelegen zu haben. Erinnerung sind das Wichtigste, überdauern sie doch mit uns die Zeit. Egal, ob wir sie emporheben und glorifizieren, sie sind das, was zählt. Alles vergeht: ich, Du, die Leuchttürme, einfach alles. Wir alle sind im Angesicht des sicheren Todes. Die Frage ist, was wir bei uns tragen, bis zu dem Moment, indem wir ihn berühren.

Das waren die Leuchtturmtagebücher.

A.


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