Sonntag, 16. Juni 2013

Das Mädchen vom Strand: Das Leuchten der Felder

Eigentlich wollte ich nur einen weiteren Erinnerungspost schreiben, aber irgendwie ist da mehr draus geworden. Also poste ich jetzt nach und nach die einzelnen Teile und gebe ihnen Namen, als wären sie Filme. Ja, das ist der Plan. Los geht's.

Das Mädchen vom Strand
Was ich Euch nun erzähle, ist eigentlich nichts Besonderes, zumindest nicht im engeren Sinne. Es ist wirklich nichts, das nur mir passiert ist. In ähnlicher Weise wird so etwas jedem von Euch auch schon einmal wiederfahren sein - im besten Falle versteht sich. Doch das soll nichts hiervon schmälern. Eigentlich ist sogar das genaue Gegenteil der Fall. Ich erzähle Euch die Geschichte einer Liebe, einer grausamen und wunderbaren Liebe; berauschend, großartig und schrecklich zugleich. Es ist eine wahre Geschichte und sie hat sich vor einigen Jahren im Herzen Norddeutschlands zugetragen, im Nordwesten Mecklenburgs - gar nicht mal so weit von hier entfernt. Der Sommer stand vor der Tür und schickte bereits einige warme und angenehme Tage wie Boten voraus. Die endlosen Alleen waren wieder grün und die ewigen Rapsfelder blühten so leuchtend, dass man nur schwer sagen konnte, was mehr strahlte; sie oder die übermütige Sonne, die auf uns alle herab schien.
     
Niemand in Mecklenburg schien sich besonders um irgendwelche Feiertage zu scheren - schon gar nicht um kirchliche. Das muss so ein Relikt des Sozialismus gewesen sein. Meine Großmutter war noch getauft worden, tatsächlich ging jedoch niemand in meiner Familie oder meinem Freundeskreis in die Kirche oder schien sonst irgendetwas mit dem lieben Gott am Hut zu haben, das über eine Redewendung oder kurze metaphysische Anwandlungen hinausging. Man schätzte die Feiertage, weil sie im besten Fall bedeuteten, dass man nicht zur Arbeit musste. Ich verstand im Übrigen jedoch nie, warum am Tag der Arbeit niemand arbeiten musste. Weihnachten war da eine Ausnahme, Ostern auch ein wenig, wegen der Geschenke. Das war super. Mit zunehmendem Alter beobachtete ich jedoch, dass Himmelfahrt einen größeren Stellenwert zu besitzen schien, als ich immer angenommen hatte - obwohl es keine Geschenke gab, also zumindest nicht im engeren Sinne. Himmelfahrt. Jedoch nannte niemand, den ich kannte, diesen Tag so: Es war Herrentag. Und jetzt war ich mittendrin.

Boltenhagen, das weiße Bad an der Ostsee, war so etwas wie das Epizentrum des Herrentags für alle, die nicht in einer richtigen Stadt wohnten. Wie vom Licht angezogene Insekten strömte alles an diesem Donnerstag aus den kleinen Orten und Dörfern westlich von Wismar in die kleine Stadt am Meer, um sich am Strand zu betrinken. Für mich war es eine zügellose, eine wilde Zeit. Ich war großkotzig und moralisch nicht immer einwandfrei, aber alles hatte gerade so richtig Fahrt aufgenommen.

1: Das Leuchten der Felder
Als das Auto hielt, war ich nervös. Ich wusste nicht, wohin mit meinen Händen, wie so oft. Das Bier war alle - lange konnte ich mich daran nicht mehr festhalten. Wieso konnten mich die Anderen nur dazu überreden, mitzufahren? Ich wollte doch gar nicht. Neben uns kam ein weiterer Wagen zum Stehen, aus dem mich mehr bekannte Gesichter angrienten. Ich knallte die Autotür hinter mir zu und steckte mir eine Zigarette an. Das also war nun Boltenhagen, das Miami Mecklenburg-Vorpommerns? Wir standen mitten in einem kleinen Plattenbaugebiet. "Hübsch hier", sagte ich in Richtung derer, die unbedingt herwollten. Jeder griff in seinen Rucksack oder Beutel und nahm sich eine neue Flasche Bier. "Auf uns!", sagte irgendjemand. Herrentag, Vatertag, Himmelfahrt, wie auch immer, hatte für mich nie eine besonders große Bedeutung. So sehr ich mich auch anstrenge, mir fällt nicht einmal ein, was ich im letzten Jahr gemacht habe. "Wir müssen zum Strand", sagte einer der Jungen. Ich war aufgeregt, aber ich zwang mich zur Ruhe: Dein altes, dein schüchternes Leben liegt hinter dir. Du hast Nichts zu befürchten und bist unbesiegbar. Und doch bleibt eine gewisse Unruhe, die erst nachlässt, als ich das Bier zur Hälfte ausgetrunken habe. Die Worte des Bassisten fielen mir plötzlich ein; vor ein paar Wochen zeigte er mir das erste Kapitel seines Romans, der wohl schon wieder in Vergessenheit geraten war. Ich war eine der Figuren. Er beschrieb, wie ich eine mir unbekannte Bar betrat und mein Blick skeptisch durch den Raum schoss. "Wie ein Raubtier", nannte er es und ich muss zugeben, die Formulierung schmeichelte mir, selbst wenn das nicht positiv gemeint war.

Gegröle schallt in den strahlend blauen Himmel. Menschen mit fliederbehangenen Bollerwagen kreuzen unseren Weg. Ab und an prosten wir ihnen zu, meistens ignoriert man sich jedoch. Ich bin etwas geschwätzig; muss andauernd lachen, als stünde etwas Wichtiges bevor. Ein Traktor mit einem Anhänger voller fröhlicher Menschen bahnt sich langsam seinen Weg, die Straße herunter; Kinder sitzen stolz auf dem Schoß ihrer Eltern. Immer wieder getunte Kleinwagen mit getönten Scheiben, heruntergelassenen Fahrer- und Beifahrerfenstern und lauter Trance-Musik. Böse und skeptische Blicke.

Massen von Menschen schieben sich durch die Strandpromenade. Männer mit albernen Hüten und Sonnenbrillen schwanken unsicher Richtung Meer. Touristen in beigefarbenen Jacken mit Eiswaffeln in ihren Händen. Die Strahlen der Sonne brennen auf uns alle hinab. Es ist doch ganz schön hier, wenn auch ein bisschen überfüllt. "Hier ist immer urst was los Herrentag", sagt der Bassist und legt die Betonung ganz klar auf das "Urst". Das Sonnenlicht bricht sich im Meer, sodass es aussieht, als wäre die Seebrücke unendlich. Wir laufen einmal bis zu ihrem Ende. Es dauert Ewigkeiten und gleicht eher dem Anstehen in einer Schlange. Als wir am Ziel sind, blicken wir kurz in die Weite und dann in unsere Spiegelbilder, unten im türkisen Wasser, aus dem die Brückenfeiler emporragen. Und dann reihen wir uns ordnungsgemäß wieder in die Schlange für den Rückweg. Ich muss an den Louvre denken: Stück für Stück wartete ich mich nach vorn, bis ich endlich vor Da Vincis "Mona Lisa" stand, dann ein Blick, ein Foto und wieder zurück in die Maschinerie des Rückwegs - wie auf einem fleischgewordenen Fließband. Alles ist entzaubert.       

Als wir wieder am Anfang der Brücke angekommen sind, brüllt jemand den Namen des Bassisten. Dann den Namen unserer Band. Übermut kocht in mir hoch. Und Stolz. Hatte ich mich verhört? Eine Gruppe von Leuten unten am Strand winkt uns zu. Ich will loslaufen, ihnen in die Arme fallen. Wir winken zurück und sagen unseren Freunden, dass wir kurz mal rübergehen würden, "zu unseren Fans". Die Anderen verdrehen die Augen und machen uns nach. Wir hatten zwar erst ein paar Konzerte auf winzigen Bühnen in den Dörfern im Umkreis gespielt, uns dabei jedoch in kürzester Zeit den Ruf erarbeitet, arrogante Wichser zu sein, die eben ein kleines bisschen besser waren als all die anderen Bands von hier. Dessen war ich mir ganz sicher. Und ehrlich, ich genoss dieses Image im Mikrokosmos der Dorfbands, denn es war wenigstens eines, irgendein Image.

Die Stimme, die uns gerufen hatte, gehörte zu einem Jungen, den ich, vom Sehen her, aus der Schule kannte. "Ihr seid Alex und Tom, ne?", sagte er und stellte sich uns als Jan vor. Er klang wie die Karikatur eines norddeutschen Kutterkapitäns, obwohl er auch erst siebzehn oder achtzehn war. Er sprach breit und mecklenburgerisch: Jedes "-er" ist ein "äh", jedes "I" ein "Ü" - der Klang von Fischmärkten und alten Leuten an Kaffeetafeln. Fische wurden zu Füschen, Kirschen zu Kürschen. Wasser zu Wassäh. Ja zu Jor. Weißt? Er schien nicht einmal seinen eigenen Namen akzentfrei aussprechen zu können. Als er sich kurz wegdreht, um uns zwei Flaschen Bier zu holen, stoße ich den Bassisten an: "Alter, wie spricht der Typ?!".

Jans Leute kommen nun auch zögerlich zu uns. Sie sagen, dass sie uns gehört hätten, im Parkhaus oder beim Frühlingsfest an ihrer dämlichen Schule. Der Alkohol entfaltet langsam seine Wirkung und lässt uns die Schmeicheleien mit lässigen Blicken abtun. In der Ferne kann ich die Umrisse unserer Freunde erkennen, wie sie unschlüssig am Rande der Promenade stehen und Bier trinken. Sie sehen aus, als wüssten sie nicht, ob sie auch herkommen oder aber lieber in sicherer Entfernung warten sollten. Ich kannte das Gefühl, doch ich genoss es, jetzt auf der anderen Seite zu stehen. Ich komme mir wichtig vor.

Ein Mädchen stellt sich zu uns, doch ich bekomme ihren Namen nicht mit. Sie ist unglaublich heiß. Weißblondes Haar fällt auf gebräunte Haut. Ihre Klamotten sind lässig, was jedoch nicht von der perfekten Silhouette ihres Körpers ablenken kann. Lange Beine verschwinden in Hotpants. Verflucht, wie ist ihr Name? Sie erinnert mich an die Sängerin der Cardigans in ihrer besten Zeit - nur irgendwie schärfer. Ein Blick zwischen mir und dem Bassisten genügt: Kein Wort muss erklären, dass das Understatement-Gerangel um ihre Aufmerksamkeit längst begonnen hatte. Wir spielen die Musikerkarte aus. Vielmehr haben wir nicht. Wir sind McCartney und Lennon, wir sind Jagger und Richards, wir sind tiefgründig und verwegen, geheimnisvoll und großkotzig, wir sind Angeber und Aufschneider, beste Freunde, Brüder und ewige Rivalen um Titten, Ärsche und Anerkennung. Jan erzählt, dass er einen Proberaum in der Nähe hätte. Nachdem wir kurz die Reaktion des blonden Mädchens abwarten, beschließen wir mitzugehen. Ein paar Leute schließen sich uns an. Strandsand hat sich seinen Weg in meine Schuhe gesucht.

Der Weg führt fort vom Strand, vorbei an den weißen Promenadenbauten, durch unbekannte Straßen aus rotem Backstein, Gassen und Hinterhöfe. Jemand schreit, dass wir nicht durch seinen Garten laufen dürften. Privatgrundstück! Wir brüllen vor Lachen und rennen wie Kinder, die ein kindliches Verbrechen begangen hatten. "Das ist im Keller vonner Schule, aber ich hab einen Schlüssel", sagte die breite, mecklenburger Stimme Jans. Der Boden gibt immer wieder nach. Im Proberaum hängt eine DDR-Fahne. Eierpappen an den Wänden, hässlicher Teppich auf dem Boden, eine alte Couch. Seichtes Licht fällt durch die schmalen Kellerfenster hinunter und zeichnet Fäden in die staubige Luft. Bob Dylan sieht von der Wand durch uns alle hindurch. Jan beherrscht tatsächlich unsere Songs auf der Gitarre. Kurz verschwimmt die Umgebung rund um die babyblaue E-Gitarre, die von seinen Schultern baumelt. Ich bin geschmeichelt. Ich kenne nicht einmal die Namen seiner Songs. Ich fand' schon den Namen seiner Band dämlich. Ich greife nach dem Mikroständer und setze ein. Der Bassist drückt den Schalter des Verstärkers und tut es mir gleich. Wir klingen, als wäre das nicht unser Lied, sondern Jans. Mehrfach kämpfe ich gegen ein Rülpsen an und singe immer wieder die erste Strophe, weil mir der verdammte Rest einfach nicht einfällt. Zigarette für Zigarette füllt sich der Keller mit zartem Rauch, angestrahlt von dem bisschen Licht, das bis hier unten vordringt. Ich singe das blonde Mädchen an. Kein Gedanken an meine Freundin, wo immer sie gerade sein mag. Dann klingelt ein Handy. Jan geht ran: Irgendwer hat auf die Fresse bekommen, irgendwo sind alle anderen im Haus von irgendwem. Wir sollen kommen.

Toilette. Ich geh' in die Kabine, denn ich bekomme zu leicht Lampenfieber. In einem Haushalt mit zwei Frauen aufzuwachsen, bringt einen irgendwann dazu, dass man nicht mehr richtig im Stehen pissen kann - man fühlt sich schuldig. Draußen sind Stimmen. Ich öffne das kleine Fenster und sehe das blonde Mädchen und ein paar andere Leute. "Ich kletter' hier raus", rufe ich. Meine Stimme hallt zwischen den Kloschüsseln. Ich steige auf die Klobrille und stütze mich hoch. Es knackt und irgendetwas gibt unter mir nach. Abgebrochenes Plastik fällt zu Boden, während ich mich durch die enge Fensteröffnung drücke. "Wie du dämlicher Idiot das Scheißklo kaputtgemacht hast", sagt der Bassist hinter mir. "Fick dich, wenn wir das niemandem sagen, merkt das auch keiner", antworte ich ein bisschen gekünstelt. Draußen stellt uns das blonde Mädchen ihren Freund vor. Der Bassist und ich ärgern uns. Das ist eine Niederlage, selbst wenn wir beide nicht einmal Single sind. Das Handy des Bassisten klingelt: Unsere Freunde wollen wissen, wo wir bleiben. Er grinst mich an und sagt: "Wisst ihr, fahrt ruhig nach Hause, wir sind eh zu cool für euch". Er lacht und legt auf. "Und wie kommen wir jetzt nach Hause, du Hoschi?", frage ich ihn. "Bus, wir nehmen dann eben den letzten Bus oder so. Ich hab keinen Bock auf das Geheule von den Anderen", sagt Tom. Irgendwie hat er recht - findet der Alkohol in mir. Ein Junge, höchstens zwölf, läuft neben mir und fragt mich immer zu Dinge über Gitarren.

Irgendwann sitzen ich und der Bassist in einer Bushaltestelle und nippen an einer Flasche Amaretto. Keine Ahnung, wo die auf einmal herkam. Wir labern wild durcheinander und fühlen uns wie Stars. Was für ein Tag! Abenteuer pumpt durch unsere Venen, während wir immer wieder zum Horizont der Straßen blicken und auf den letzten Bus warten, der uns wieder zurück in unsere Heimatorte bringen würde. Plötzlich klopft es hinter uns am Glas der Haltestelle. Das blonde Mädchen fragt, ob wir wirklich schon fahren wollten, schließlich gehe es doch erst los. Wir erklären ihr, dass wir sonst nicht nach Hause kommen würden. Sie greift nach der Flasche, nimmt einen tiefen Schluck und sagt, dass wir ja zur Not auch einfach bei ihr schlafen könnten. Wir zögerten nicht eine Sekunde und folgten ihr die Straße entlang. "Du hast sie gehört; wir können zur Not auch einfach auf ihr schlafen", sagt der Bassist und stößt mir in die Seite. Wir stehen vor einem Haus und sie sagt uns, sie müsse erst reingehen und klarmachen, dass wir cool wären und mit rein dürften. Wir zucken mit den Schultern und setzen uns auf den Bordstein. Das Haus liegt am Ortsrand. Die Luft riecht nach Raps und man sieht die Felder direkt hinter dem Garten beginnen. Die Tür öffnet sich und wir gehen rein.

Die Umgebung schwankt. Familienfotos, der Geruch eines fremden Wohnzimmers und Unmengen von Menschen. Nach einer Weile sitze ich in einer Hollywoodschaukel und bin mit dem Vater des Gastgebers in ein Gespräch vertieft, dem ich nicht folgen kann. Für einen Moment scheint es mir, als würde ich schon seit Stunden mit dem Typen reden - und ich habe keine Ahnung, worüber. Er reicht mir ein Glas mit leuchtend grünem Pfefferminzlikör und sagt: "Wir trinken jetzt einen, Junge". Immer wieder füllt er mein Glas mit dem ekligen Zeug, aber ich bin zu höflich (oder zu betrunken), um abzulehnen. Irgendwann schwanke ich aus dem Haus und setze mich auf den Bordstein, um zu rauchen. Jan, der Bassist und irgendeine Tussi kommen mir hinterher. Sie haben eine Gitarre dabei. Wir singen "Wonderwall" - und sei es, um uns darüber lustig zu machen, dass jeder Vollidiot mit einer Scheißakustikgitarre immer diesen Song singt. Doch als ich spiele, meine ich es ernst. Jan streitet sich mit dem Gastgeber und verschwindet wieder im Haus. Ich lasse mich auf den Rücken gleiten und starre in den klaren Himmel, während ich irgendwelche Akkorde aneinanderreihe.

Ich muss kurz weggetreten sein, denn als ich wieder zu mir komme, brauche ich einen Moment, um zu verstehen, wo ich bin. Die Gitarre liegt neben mir. Die Sonne ist geht langsam unter und die Felder verlieren ein wenig von ihrem Leuchten. Ich höre, wie der Bassist dem Mädchen irgendetwas von französischer Literatur erzählt. In mir sträubt sich alles. Immer diese intellektuelle Schalträgerscheiße. Langsam und eindringlich sagt er: "Frédéric Beigbeder". Sie spricht ihm nach: "Frederick Beschbedee, ja, muss ich mir unbedingt merken. Klingt auf jeden Fall interessant". Dann sprechen sie nicht mehr. Als ich mich aufrichte, küsst er sie. Ich stütze mich hoch und gehe ein paar Meter, um dem jungen Glück die nötige Zweisamkeit zu gönnen - jedoch nicht, ohne dem Bassisten vorher durch einen Blick zu zeigen, dass er ein Spasti ist. Ich gehe den kleinen Weg entlang, bis ich an einer Kreuzung stehe. Ich verschlucke mich fast an meiner Kippe, als ich die Freundin des Bassisten sehe, wie sie nur einige Meter entfernt auf mich zu kommt. Sie hat noch ein Mädchen im Schlepptau. Scheiße. Ich rufe laut den Namen des Bassisten, um ihn irgendwie von dem Lippen dieses namenlosen Mädchens zu lösen, bevor seine Freundin um die Ecke kommt und wir uns mitten in einem Drama befinden, dem wir nicht mehr die nötige Ernsthaftigkeit zuerkennen würden, weil wir arrogante und betrunkene Wichser sind. Ich sage breit "Hey" und versperre den beiden Mädchen den Weg, um dem Bassisten Zeit zu verschaffen. Der Alkohol muss meinen Charme verstärken, glaube ich zumindest, denn die Mädchen bleiben stehen und scheinen amüsiert, auf die Art, die sie mit den Fingern durch ihre Haare fahren lässt. Der Bassist kommt um die Ecke und umarmt seine Freundin. Kurz muss auch ich an meine Freundin denken. Hatte ich ihr auf ihre SMS geantwortet? Irgendwie ist es mir gleichgültig - und auch das scheint mit gleichgültig zu sein. Mit jedem Schluck, mit jeder Zigarette verabschiedet sich mein Bewusstsein.       

Ein dumpfer Schlag neben mir. "Ja, das funzt, hattest recht", sagt Jan. Er drückt mir einen High Heel und die Weinflasche in die Hand. Er hat den Korken mit dem Absatz eingeschlagen. Ich werfe den Schuh zurück vor die Füße irgendeiner Tussi und sage Danke. Der Schuh bleibt im Sand stecken. Ein großer Mond hüllt den ganzen Strand in ein beruhigendes Blau, feine Wellen schleichen ans Ufer, kaum hörbar. Jan spielt ein paar Akkorde auf der Gitarre. Ich singe ein bisschen. Incubus, Nirvana, Red Hot Chili Peppers, Die Ärzte. Gott, ich hasse die Ärzte. Um uns herum sitzen ein paar Leute und lauschen andächtig dem Blödsinn, der noch aus uns herauskommt. Der Wein ist sauer und ich will eigentlich nicht mehr trinken. Der Bassist liegt neben mir, mit dem Gesicht im Sand. Seine Freundin sitzt daneben und streichelt seinen Hinterkopf, fährt immer wieder durch sein Haar. Sie sagt, dass wir dort schlafen könnten, wo sie und ihre Freundin pennen würden, auf einem Bauernhof in der Nähe. Sie sagt das, ohne mich anzusehen. Sie mag mich nicht und ich mag sie nicht. Wir hatten eine kleine Vorgeschichte, bevor sie die Freundin des Bassisten wurde. Das war keine gute Idee, das Ganze. Eine dunkle Wolke schwebte über uns Dreien. "Okay, ja, dann schlafen wir da bei euch. Ne Wahl haben wir eigentlich auch nicht", sagte ich. Das blonde heiße Mädchen war verschwunden. Und sie hatte einen Freund. Und ich hatte eine Freundin.

Ich wurde unruhig und wollte gehen. Immer mehr Techno-Idioten mit power-ranger-farbenen Jacken und gegelten Haaren sammelten sich auf der Brücke wie ein Rudel Wölfe. Als würden sie den Kreis immer enger ziehen. Gesprächsfetzen und getrunkenes Gebell wehten langsam mit dem Abendwind herüber. Ein paar Leute hatten sie schon erwischt. Irgendein Freund von Jan musste blutüberströmt nach Hause gefahren werden. Wenn's am schönsten ist, soll man gehen. Ich stehe auf uns stoße meinen Fuß ein wenig in die Seite des Bassisten. "Steh auf", sage ich, "steh auf". Wir müssen noch warten. Ich werde unruhig. Als wir endlich bereit sind zu gehen und ich mich von Jan verabschiede, sagt jemand: "Nimm' mal deine Mütze ab. Man sieht dich ja gar nicht richtig. Ist das Absicht?". Wer hatte das gesagt? "Hm?", sage ich in die Dunkelheit. "Nimm mal deine Mütze ab", sagt ein Mädchen, das an der Stelle sitzt, an der Strand zur Düne wird, nur wenige Zentimeter hinter der Kuhle, die ich im Sand hinterlassen hatte, nachdem ich aufgestanden war. Ich nahm meine schwarze Wollmütze ab, die ich so gut wie immer trug - teils, um meine lockigen dunklen Haare zu bändigen und glatter aussehen zu lassen, teils, weil ich dachte, ich würde dann ein wenig wie Bam Magera rüberkommen, den ich cool fand' (und der tatsächlich am selben Tag, wie ich - und Bushido - Geburtstag hatte). "Siehst du, jetzt sieht man dich auch mal richtig. Sieht doch ganz süß aus", sagt das Mädchen. Ihre pechschwarzen Haare reflektieren das Mondlicht und sie lächelt, das sehe ich. Ich lächle auch, und ich bin verlegen. Es dauert einen Moment, bis ich umschalte. "Alex, ich bin Alex. Du kennst vielleicht...", setze ich an. "Ich weiß, wer du bist; du singst schön". Treffer. "Wir spielen nächste Woche im...". Sie schneidet mir wieder das Wort ab und sagt, dass sie das ein werde. "Ich bin Anna. Wir sehen uns dann da", sagt sie noch, dann werde ich von dem Bassisten und seiner Entourage mitgezogen. "Wer war das?", wende ich mich an die Freundin des Bassisten. Sie ist ein wenig zynisch und scheint sofort zu wissen, worauf ich hinaus will. "Ja, das ist 'ne Süße, oder?", sagt sie. Ich spüre ihr Zwinkern durch die Dunkelheit.

Anna. Ich sage den Namen, wortlos und mit geschlossenen Lippen. Dann baut sich ein ziemlich großer Typ vor uns auf und sagt mit einer widerwärtigen Stimme: "Na ihr Süßen, wo geht's denn hin?". Der Bassist geht mit ausgebreiteten Armen auf ihn zu und lallt: "Wat denn, Alter". Ich bin schockiert, doch ehe ich eingreifen oder heldenhaft wegrennen kann, drängt sich seine Freundin zwischen ihn und den glänzenden Fleischklops und sagt: "Geh' weiter, der ist es nicht wert". Ich weiß bis heute nicht, wen sie meinte. Irgendwann falle ich einfach in ein Bett, irgendwo in der Dunkelheit.

Am nächsten Morgen habe ich keine Ahnung, wo ich bin. Aber ein Name liegt mir auf der Zunge. Die Bilder des vergangenen Tages sind in Dämmerlicht gehüllt und aber das Gefühl bleibt. Der Bassist und seine Freundin liegen im Nebenzimmer auf einer Klappcouch. Ich wundere mich, warum ich im Ehebett geschlafen habe. Die erste Zigarette des Tages schmeckt nicht. Ich stehe auf einem Bauernhof, dessen Grenze in einem weiten, leuchtenden Rapsfeld verläuft. Ich wusste es noch nicht, aber alles hatte sich verändert.

Das ist acht Jahre her.

A.    

Kommentare:

  1. Ich hoffe, die anderen Teile sind schon geschrieben und wir dürfen sie bald lesen!

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  2. Hallo, ich bin gerade über deinen Blog gestolpert und bin ganz angetan von deinem Schreibstil. Es macht richtig Spaß deine Texte zu lesen! Bin schon gespannt, was noch alles folgt.
    Liebe Grüße:)

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