Sonntag, 7. Oktober 2012

Meine Hoden, mein Vaterland

Ich hasse diese Stadt. Warum werde ich hier nicht heimisch? Mein Herz ist doch hier, oder? Ich habe mich im verschissenen Krankenhaus heimischer gefühlt - und da war ich bloß neun Monate. Nicht, weil ich krank gewesen wäre, ich habe der Fahne gedient! Indem ich Rollstühle schob. Das ist Vaterlandsliebe. Ich konnte die Bundeswehr nicht mit meinem Gewissen vereinbaren. Ging nicht. Das lag nicht etwa daran, dass ich einfach nicht gerne Befehle bekommen würde, ungern mit anderen Männern dusche, keinen Bock auf Hauptschüler hätte, kein gesteigertes Interesse daran gehabt hätte in irgendeiner beschissenen Kaserne, irgendwo im Nichts, zu schlafen oder diesen ganzen Schwachsinn generell lächerlich finden würde, nein: Ich muss immer weinen, wenn jemand ein Gewehr in die Hand nimmt, und bei dem Wort "Krieg" bekomme ich eine Gänsehaut und fühle die Last der Geschichte auf meinen schmalen Schultern. So etwas stand zumindest in meiner Kriegsdienstverweigerungserklärung, glaube ich. Leider hatte ich keine Zeit, sie ganz zu lesen. Und ich hätte zur Army gekonnt. Und wie ich gekonnt hätte! Tauglichkeitsgrad? T2, Biatch! Ich bin eine gottverdammte Kampfmaschine mit leichten Seh- und Hörschwächen. Aber die sind die Gefährlichsten!

Außerdem bin ich bis zum heutigen Tage davon überzeugt, dass die Musterungsärztin heiß auf den Lexman war. Und ich konnte nicht einmal meine ganze Pracht entfalten; es war wirklich kalt im Raum - und ungeil irgendwie auch. So zärtlich der Moment, in dem sie mich bat, den Versuch zu unternehmen, meine Zehen anzufassen, während ich mit dem Rücken zu ihr stand. Da tun sich Abgründe auf. Und als sie meine Eier betastete, sah ich in ihren Augen, dass die Beiden etwas Besonderes für sie waren. Und Frau Doktor hatte wahrscheinlich schon Millionen von Teenager-Klöten zwischen ihren zarten, aber bestimmten, Fingerchen.

Dass es überhaupt so weit kam, war schon verwunderlich. Ich hatte meinen Personalausweis vergessen. Da steht die Heeresbürokratie nicht unbedingt drauf. Mit ein wenig Charme und meinem Schülerausweis klappte es jedoch trotzdem, und so bekam ich endlich die lang erwartete Chance, mich der altehrwürdigen Wehrmacht vorzustellen.

Im Wartezimmer saßen ein paar Jungen und irgendein dämlicher Corporal in Uniform. Ich hätte schwören können, genau vorhersagen zu können, wer von den anderen Trotteln verweigern würde, und wer schon immer auf diesen Zirkus hier gewartet hätte. Nach und nach wurden die Verurteilten aufgerufen. Vor mir, auf dem Tisch, lagen ein paar hauseigene Magazine und die Bild. Zwei (!) Fernseher bestrahlten die Wartenden. Auf dem einen liefen Dauerwerbespots für die Bundeswehr, in denen Panzer über schlammige Hügel hüpften und glückliche Dödel ihre coolen Uniformen präsentierten, lachten und erzählten, dass ihre traurigen Existenzen jetzt, wo sie von anderen Dödeln angeschrien wurden und in Afghanistan im Zelt Playstation spielten, endlich einen Sinn ergaben. Sinngemäß zumindest. Auf dem anderen lief eine Zusammenfassung der Bundesligaspiele vom Wochenende. Das klingt ungeheuer plakativ, aber ich schwöre bei Gott, dem Allmächtigen, dass es sich verfickt nochmal genauso zugetragen hat.

Der einzige Sinn des Uniformierten im Wartezimmer war es augenscheinlich, mit den verunsicherten Seelen ins Gespräch zu kommen. Nachdem er seinen wartenden Nebenmann, der offensichtlich vorhatte, zu verweigern, anstieß und in Richtung Fußball-Fernseher nickte, fragte er: "Und, hast du das Spiel gesehen?" Er interessiere sich nicht so für Fußball, sagte die verlorene Seele. "Die Scheißbayern haben tatsächlich noch gewonnen", stieß ich hinzu. Ich hatte immer ein gutes Gespür auf dem Parkett der Stammtischgespräche. "Hör bloß auf, meine Schwiegermutter ist Bayern-Fan", antwortete er, sichtlich beruhigt, dass wenigstens einer den Köder im Maul hatte. Was wir danach redeten, weiß ich nicht mehr. Alles, woran ich mich erinnere, ist, dass ich ihm verschwieg, dass ich nicht vorhatte, jemals in meinem Leben irgendeine bekackte Kaserne zu betreten. Keine Ahnung, warum. Hatte ich ein schlechtes Gewissen? Vielleicht. Schließlich gab sich jeder hier solche Mühe, den Laden souverän zu verkaufen.

Urinprobe. Der kleine Soldat bekommt Lampenfieber und verweigert mir die Gefolgschaft. Sinnbildlich. Der nächste Patient betritt bereits die Praxis. Der Druck steigt. Ich höre sie reden. Der Vorhang liefert mir nicht die nötige Privatsphäre. Das ist ein verschissener Fluch. Nur deswegen bin ich auf Konzerten und in Fußballstadien niemals betrunken. "Gehen Sie zurück in die Kabine und trinken Sie etwas!", sagt die Schwester, sichtlich genervt vom Ungehorsam meiner Blase. Jawohl. Und dann saß ich in der Umkleidekabine, trank 23 Liter Leitungswasser und führte einen inneren Dialog mit meinem Schwanz. Es ging nicht, verflucht. Ich behinderte die Zahnräder der eingeölten, routinierten Maschine Kreiswehrersatzamt. Auf einmal rief mich die bereits erwähnte Musterungsärztin auf. "Sind Sie der, der nicht pinkeln konnte?" Hölle ja, der bin ich. "Kommen Sie trotzdem schon mal" - Show must go on. Aber sie ließen mich verflucht nochmal nicht gehen, ehe ich in einen Becher gepinkelt hatte. Auf einer abgesonderten Toilette, außerhalb der Sperrzone, ließ ich dem Schicksal dann endlich seinen Lauf.

Wartezimmer. Ich war ein Kriegsheld: Ich habe gepisst. Mir wurde gratuliert. Mein Tauglichkeitsgrad würde mir nur Steine in den Weg legen, wollte ich Fallschirmjäger werden. Ironischerweise fiel die Kapelle ebenfalls für mich flach. Das kränkte meinen Stolz, immerhin war ich Musiker. Ach, was sag ich, der König der Musiker. Ich hätte Bundespräsidenten verabschieden können! Wichser. Mein Date mit dem Zivildienst war nie in Gefahr. Macht's gut, ihr Trottel. Siegessicher marschierte ich durch die Tore zurück in die Selbstbestimmtheit, ohne dabei auch nur zu ahnen, dass mir bald eine amtsärztliche Untersuchung bevorstand, die zu klären hatte, ob meine Eier und mein Arsch (!) auch wirklich für das Krankenhaus geeignet wären. Und eines habe ich daraus gelernt: Es ist wirklich besser, sich das Skrotum von einer brünetten Ärztin in den 30'ern betatschen zu lassen, die sich um Smalltalk bemüht, als sich von einem runzeligen, dicken, alten Mann, im Beisein seiner osteuropäischen Sprechstundenhilfe grob die Eier lang ziehen zu lassen. Eine Lektion fürs Leben. Die Teenager ohne allgemeine Wehrpflicht wissen gar nicht, was sie verpassen!

Eigentlich wollte ich mich über das abscheuliche Wetter in Kiel beklagen, aber ich habe mich treiben lassen. Macht Euch einen schönen Sonntag, liebt und herzt Euch, küsst Euch, seid glücklich und betastet Hoden - oder lasst betasten.

A.,
Kriegsdienstverweigerer a.D.     

Kommentare:

  1. Haha, genial, nicht nur dieser Beitrag, einfach alles. Worunter leidest du, Schreib- und Sprachmanie? Chapeau!

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  2. Einfach nur köstlich, warum auch immer ich diesen Post anklickte. ;-)
    Meine eigene Geschichte würde in Anbetracht dieser Wortgewalt (ja das war es) lediglich beklommen verstummen.

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