Mittwoch, 1. August 2012

Die Leuchtturmtagebücher: Tag 3

Der Sommer scheint wieder da zu sein. Und 'ne Goldmedaille haben wir auch. Dann ist die Welt ja gerettet oder so. Draußen spielen kleine Jungs im Garten. Als ich eben auf dem Balkon war, hörte ich den einen laut "Sofort in die Häuser! Es ist Krieg!" schreien. Vielleicht hat er recht. Es wird Zeit für den dritten Teil der wohl spektakulärsten Reiseberichte aller Zeiten. Dies sind die Leuchtturmtagebücher.

Zu den vorherigen Teilen gelangt ihr übrigens hier:

Die Leuchtturmtagebücher
Tag 3:


Die Kräne Bremerhavens
Wir leben! Keine Mörder. Kein Hinterhalt. Auf der Dachterrasse bemerke ich eine aufdringliche Katze. Sie lässt wirklich nichts anbrennen und springt mir auf den Schoß, während ich meine Guten-Morgen-Zigarette rauche - dabei kennen wir uns nun wirklich nicht lange. Die Kräne Bremerhavens begrüßen mich. Heute überqueren wir die Weser. Ich bin noch nie zuvor in dieser Gegend gewesen - ich scheine nichts verpasst zu haben.

Der Vermieterin zufolge gibt es in der Umgebung tatsächlich nicht einmal einen Bäcker. Scheißnest. Ich konnte mich nicht konzentrieren, als sie mir am Vorabend eine Wegbeschreibung gab, weil die Kinder im Pool der Nachbarn wie Tiere geschrien haben. Gottseidank wohn' ich nicht hier. Als wir losfahren, habe ich keine Ahnung mehr, wo genau wir irgendetwas zu essen finden. Die Vorräte sind aufgebraucht und unsere Mägen leer. Apfel essen. Motor an. Los.

Bremerhaven ist nicht schön, soweit ich das von der Autobahn aus beurteilen kann. In der Stadt sind irgendwelche dämlichen Hafentage. Nein danke. Kein Bäcker weit und breit. Wir tippen wahllos irgendeinen Ort auf dem anderen Flussufer ein. Dort würden wir essen. Der Verkehr ist noch relativ entspannt, als wir den Wesertunnel durchfahren. Früher, in Norwegen, habe ich immer versucht, die Luft anzuhalten, wenn wir durch einen der vielen Tunnel gefahren sind. Die Anderen im Auto haben dann auch mitgemacht. Ich habe es immer bis zum Schluss ausgehalten, ganz ehrlich. Auf der anderen Weserseite sind wir zurück in der Einöde. Hier gefällt's mir.

"Endlich Frühstück gegen 12.00 Uhr"
Und dann ist auf einmal eine der Hauptverkehrsschlagadern gesperrt. Ich bekomme einen Wutanfall und bin kurz dabei das verschissene Navigationsgerät aus dem scheiß Fenster zu schmeißen. Wegen der Vollsperrung sind wir vom Highway abgefahren und durchqueren nun Orte, die so verfickt klein sind, dass unser Atlas (!) es nicht für nötig hält, sie aufzuführen. Engspurige Wege durch irgendwelche inszetuösen Friesennester voller gaffender Rentner mit Rasenmähern. "Wenn möglich, bitte wenden." - "Halt deine scheiß Fresse, du dämliche Hure!" Ich sage noch mehr Dinge. Böse Dinge. Die dunkle Seite ist stark in mir. Früher wurden mal Alternativrouten errechnet. Ich kündige groß an, dass wir das Scheißding wegwerfen, und ich ein neues kaufe. Dann rauch' ich eine und kriege mich wieder ein. Und ich bin nur Beifahrer. Nicht auszudenken, wie ich fluchen würde, wenn ich selbst Auto fahren würde. Wir überlegen, wo wir ungefähr sein könnten und suchen uns ein neues Ziel. Es gibt für alles eine Lösung. Jade. Klingt schön, oder? Jade ist ein Kaff, aber in Jaderberg werden wir fündig. Keine Ahnung, ob das ein Ortsteil oder etwas Eigenständiges ist. Endlich Frühstück gegen 12.00 Uhr: Berliner und Schinken-Käse-Brötchen. Alles wird ruhiger. Ein leichter Wind weht, aber die Sonne lässt uns nicht vergessen, dass Sommer ist.

Wilhelmshaven
Wir Tanken und suchen einen Autobahnzubringer. Ziel: Wilhelmshaven. Als wir von der Autobahn abfahren, sehen wir bereits den Leuchtturm. Verglichen mit den Türmen von gestern, wirkt dieser irgendwie profillos und supermarktmäßig. Ein paar Trottel mit Motorrädern halten auch auf dem kleinen Parkplatz. Lederhosen sind immer dämlich bei Männern. Immer! Nein, auch Cowboys und Wrestler sehen bescheuert aus in Lederhosen. Da stehen sie nun und bilden sich was ein auf ihr wildes Wochendleben. Idioten. Aber Montag ist die Bikerromantik wieder vorbei, und sie kehren zurück in ihre langweiligen Leben und ihren Ehefrauen mit den gemachten Nägeln und farbigen Leggins. Die Hafenindustrie wirft ihre Schatten voraus. Wir steigen ein und fahren weiter.

Die Strecke verläuft fast direkt am Wasser. Uns sind erst einmal die Leuchttürme ausgegangen. Wir beschließen einen kleinen Hafenort anzufahren, von dem aus wir eventuell einen Turm auf See sehen könnten. Ein kleines Riesenrad steht direkt am Pier. Ein bisschen friesischer Brighton-Flair - nur ohne Szene und Künstler. Mit Mühe befrei ich mich selbst aus den Fängen des Souveniergeschäfts. Das ist ein verdammter Fluch. Ich finde überall etwas. Ich kaufe einen kleinen Holzleuchtturm und vier (!) kleine Fläschchen mit Strandsand. Ich verliere niemals meinen Sinn für Pathos.

Neuhardingersiel

Hotelzimmer
Danach fahren wir in ein anderen kleines Nest an der Küste. Für heute Nacht haben wir uns in einem kleinen Hotel (mit Frühstück) einquartiert. Ab mittags hätten wir schon einchecken können - warum also nicht schon mal hinfahren und gucken. Das Zimmer ist in Ordnung und die Empfangstussi nett. Kühlschrank und Badezimmer. Zurück mit Komfort. Sie sagt, dass es nicht weit bis zum Wasser sei, und beschreibt mir den Weg. Dieses Mal höre ich zu. Nach etwa zehn Minuten Fußweg erreichen wir den Deich. Es hat sich ein wenig abgekühlt und selbst der Radweg vor dem Deich ist menschenleer. Wunderbar! So hatte ich mir das auch vorgestellt. An einigen Stellen muss man zwar gut auf die eigenen Füße achten, bewegt man sich doch auf einem Minenfeld aus Schafscheiße, doch nimmt das dem Ganzen keineswegs seine bezaubernde Wirkung.

Auf dem Deich
"..und orientieren uns Richtung Wasser."
Auf der anderen Seite angekommen, klettern wir über einen dieser Naturschutzzäune und orientieren uns Richtung Wasser. Die Landschaft ist fantastisch und es ist still. Ich komme mir vor, wie in der harmonischen Idylle eines Folk-Musikvideos. Ich bin ein zorniger Motherfucker, aber hier muss ich unwillkürlich lächeln. Allein dieser Ort rechtfertigt den ganzen Trip.

Die Gräser am Wasser sind trocken von der ewigen Sonne; wir brauchen keine Decke. Während das Meer behutsam und stilecht vor sich hin rauscht, starre ich in den klaren Himmel und bin zufrieden. Von hier aus sieht man tatsächlich einen Leuchtturm, auf einer Insel draußen im Meer. So habe ich mir das alles vorgestellt. Ich bin entspannt und genieße jede Minute.

Draußen auf dem Meer

"Ich wär' gern noch einmal dort."
Wie lange wir wirklich dort unten waren, weiß ich nicht. Ich wär' gern noch einmal dort. Irgendwann richten wir uns einfach wieder auf und gehen zurück. Wir kommen an einem kleinen Restaurant vorbei. Noch bevor ich beschließen könnte, dort irgendetwas zu essen, sehe ich den dicklichen Koch schwitzend aus der Hintertür stampfen. Ich esse bestimmt nichts, was dieser Typ vorher in der Hand hatte. Er zündet sich eine Zigarette an. Dann eben Sandwiches auf dem Zimmer. Das Bier aus der Hotelbar kostet tatsächlich nur einen Euro! Jever. Es fühlt sich herrlich an, in der weißen Hotelbettwäsche zu liegen und Bier zu trinken. I never lost Rock'n'Roll. Zufrieden schlafe ich ein, während im Fernseher irgendein Rotz läuft.

Morgen geht es weiter. Dann folgt der letzte Teil der Leuchtturmtagebücher.

Schlaft gut,
A.
   
          

Kommentare:

  1. "So habe ich mir das alles vorgestellt. Ich bin entspannt und genieße jede Minute." Wie schön. Wurde ja auch Zeit!
    Beim Lesen Deiner Leuchtturmtagebücher überkommt mich ein bisschen die Sehnsucht, auch mal so einen Roadtrip zu machen. Bis mir - ziemlich schnell - klar wird, dass zwar ein toller Film vor meinem geistigen Auge abläuft, die Realität aber vermutlich anders aussehen würde.
    Ich mag gerne morgens schon wissen wo ich abends schlafe und wo ich morgens was zu essen bekomme. Ich glaube ich bin nur in romantisch verklärten Vorstellungen vom planlosen sich-treiben-lassen angetan. In der Realität bin ich da wohl eher - langweilig?!? Ja, langweilig vermutlich.
    Aber da gibt es ja Berichte, die ich lesen kann...

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Ich bin auch kein Abenteurer, Madame! Wir wussten morgens, wo wir abends schlafen. W-Lan saves us all! Freut mich, aber dass ich dich anstecken konnte, so stimmungsmäßig!

      Löschen
    2. Ja, stimmungsmäßig kriegst Du mich eigentlich immer...

      Löschen