Samstag, 28. Juli 2012

Die Leuchtturmtagebücher: Tag 1

Ich bin wieder da. Die Temperatur ist gesunken und der Regen ist zurückgekehrt. Hinter mir liegen 15 Leuchttürme in 4 Tagen und eine Strecke von über 1000 Kilometern quer durch die norddeutsche Pampa; endlose Landstraßen, Deiche und goldgelbe Felder. Es gibt natürlich wesentlich mehr Leuchttürme an der Nordsee. Man hätte auch zu den vielen Inseln aufbrechen können - nur wäre das viel zu teuer geworden. Wir sind geblieben, bis das Geld und der Tank alle waren. Ein Hauch von Abenteuer möchte man meinen. Und ja, Idealismus fühlt sich großartig an. Scheiß auf jede Pauschalreise in den Süden. Scheiß auf jeden Kurztrip nach Dubai. Scheiß auf Mallorca und die Türkei. Scheiß auf Tauchen in Ägypten. Scheiß auf jede Hotelanlage, jeden Pool und jeden Campingplatz. Es gibt nichts Schöneres, als einer Idee hinterher zu jagen, einer eigenen Idee. Nichts ist mehr wert.

Meine Augen und Ohren waren immer geöffnet. Natürlich bin ich darauf vorbereitet, Euch umfassend über die Geschehennisse des Weges zu unterrichten. Jeden Abend habe ich, vor dem Schlafen, die Dinge, die mir aufgefallen sind, in mein kleines Angebernotizbuch gekritzelt. Vieles kann man überhaupt nicht lesen, aber keine Sorge, ich habe das Hirn eines Elefanten (und auch seine Handschrift). Ich habe mir die Mühe gemacht, mit Hilfe von Google, alle Stationen und Wege der Reise zu verbildlichen. Gott schütze unsere modernen Zeiten. Fragt mich nicht, warum ich so pedantisch bin. Verwechselt mich außerdem bitte nicht mit einem der Trillionen von dämlichen Hobbyfotografen, die ständig, mit ihrer Spiegel-Reflex vom Weihnachtsgeld, Nasenlöcher aus der Hocke heraus, und Baumrinde aus einem Abstand von einem Zentimeter fotografieren, um ihre Idiotenfreunde bei Facebook zu beeindrucken. Ich bin keine Nikon! Alles, was ich sehe, ist schöner als dass, was auf den Fotos davon übrig bleibt. Außerdem würde selbst ein Klumpen Scheiße gut aussehen, wenn man so einen Effekt darüber legt. Und doch gehören die Bilder dazu, verdeutlichen sie doch die Eindrücke. 

Und jetzt Schluss mit den Einleitungen: Dies ist die Geschichte meiner Reise. Dies sind die Leuchtturmtagebücher.

Die Leuchtturmtagebücher

Tag 1:


Es ist merkwürdig, wenn man sich überlegt, wie unglaublich nah, die fast schon plakative Nordseeküste liegt. Es sind nur 1 1/2 Stunden bis Westerhever. Man hat das Gefühl, gerade erst den Speckgürtel Kiels verlassen zu haben, da ist man schon in einer anderen Welt; einer Welt, die wirkt, als laufe man mitten durch die Postkarten-Idylle eines Jever-Werbespots. Als wir das erste Mal kurz vor Westerhever an einem Deich halten, habe ich fast ein schlechtes Gewissen, meine Kippe glanzlos aber effektvoll in diese Umgebung zu schnipsen. Alles wirkt so aufgeräumt und harmonisch. Die Hitze des Sommers kam nun doch irgendwie überraschend. Während ich meinen Arm aus dem offenen Beifahrerfenster baumeln lasse, strömt ein frischer Geruch ins Auto, den nicht zuordnen kann. Am ehesten würde ich zu Pfefferminz tendieren, wenn ich mich entscheiden müsste.

Der NDR hat den Leuchtturm von Westerhever zum Schönsten in Norddeutschland erwählt. Dort sollte also auch die Reise beginnen. Das Beste zu Anfang, wie es so schön heißt. Ein dicklicher Nervsack von Parkwächter bemüht sich nach Kräften, durchgehend Plattdeutsch zu sprechen und verlangt stattliche 3 €, als wir auf den einzigen ausgeschilderten Parkplatz mitten im Nirgendwo abbiegen. Wir hatten keine Ahnung, dass sich Parkplatz und "Infohus" (When Plattdeutsch goes wrong) satte 3,5 km entfernt vom Leuchtturm befinden. Inzwischen waren 30°C und Ebbe. Obwohl sich nur Wasser zwischen uns und England befindet, scheint die Luft zu stehen; nicht einmal der Hauch eines leichten Windes weht. Ich ärgere mich über meine eigenen Erwartungen. Wahrscheinlich hatte ich mir vorgestellt, wir fahren einfach von Leuchtturm zu Leuchtturm und halten direkt davor - wie bei McDrive. Das T-Shirt beginnt an meinem Körper zu kleben und der Horizont verschwimmt immer wieder mit dem Weg, wie der Highway in einem kitschigen, amerikanischen Film. Doch je näher wir dem Leuchtturm kommen, desto mehr wächst auch die Erkenntnis, dass sich der Weg gelohnt hat. Außerdem sieht er aus einigen Perspektiven aus wie ein Penis, da direkt neben dem Turm zwei identische kleine Häuser stehen.

Westerhever
"Die Landschaft sieht aus wie in einem Albtraum..."
Auf dem Rückweg fällt mir auf, wie surreal die Umgebung um mich herum wirkt, jetzt wo ich das Ziel nicht mehr direkt vor Augen habe. Die Landschaft sieht aus wie in einem Albtraum, aber irgendwie schön. Der Weg wird immer länger und die Temperaturen machen die kleinsten Bewegungen zu schier unüberbrückbaren Herausforderungen - zumindest für unsere verweichlichten Stadtkörper.

Der Leuchtturm in St. Peter Ording ist verflucht noch mal unauffindbar. Wir entscheiden uns kurzerhand, auf den Leuchtturm zu scheißen und stattdessen irgendwo ein Bier zu trinken. Am Nebentisch sitzt eine Familie, die ihrem Akzent nach zu urteilen, aus England angereist ist. Der Vater der Familie hat sich scheinbar sogar die Mühe gemacht, einige rudimentäre Dinge auf Deutsch zu lernen. Selbst die Kinder sagen "Danke", als die Kellnerin ihnen ihre Pommes bringt. Ob sich die deutschen Touristen auch so im Ausland verhalten? SPO, wie ich St. Peter Ording nennen darf, scheint ein klassischer Urlaubsort an der See zu sein. Überall Anker und Schwimmringe, um auch den größten Idioten darauf hinzuweisen, dass er sich in einer Stadt am Meer befindet. Überall Kinder in Badekleidung, Hunde, Bierbäuche und braun-gebrannte Hängetitten. Von Zeit zu Zeit fährt auch das obligatorische Scheißauto, voller glotzender Spastis mit freiem Oberkörper, mit heruntergelassenen Fenstern und lauter Musik durch den Ort. Trotzdem notiere ich mir SPO auf der imaginären Liste von Orten, zu denen ich mit meinen Kindern in den Urlaub fahren könnte, wenn ich denn welche habe.

Büsum
Durch Anstrengung und Hitze ist Büsum bereits in dem Moment völlig egal, indem ich den Leuchtturm gefunden habe und ein Krabbenbrötchen in der Hand halte. Im Prinzip ist das auch alles, was es über Büsum zu sagen gibt, außer, dass es ziemlich scheiße ist, wenn man die falsche Seite des Hafens langläuft, um dann, kurz vor Schluss, festzustellen, dass sich der Leuchtturm gegenüber befindet.

Im Hafen liegt ein stinkender Fischkutter unter schwarz-weiß-roter Flagge. Hoppla! Ein volltätowierter Glatzkopf im Blaumann säubert gerade die Netze und beschallt den ganzen Hafen mit irgendwelcher Nazimusik, die wie die Punk-Versuche einer Schülerband klingt. Ich wette, der bildet sich richtig etwas ein auf sein ehrliches, aussterbendes Handwerk. Der Strand ist hermetisch durch Geldeinsammler abgeriegelt. Als ich klein war, haben Strände noch kein Geld gekostet.

"Alles scheint Teil eines riesigen Windkraftrads zu sein..."
Wir verlassen die See und fahren Richtung Elbe, wo wir uns eine Unterkunft für die Nacht organisiert haben. Alles sieht gleich aus, sobald wir der Küste den Rücken kehren. Die Landschaft hat sich verändern. Die Deiche und die Pfefferminzwiesen sind verschwunden; wir könnten überall sein, Niedersaschen, Schleswig-Holstein oder Mecklenburg; endlose Felder, Reiter- und Bauernhöfe. Alles scheint Teil eines riesigen Windkraftrads zu sein, als bräuchten wir die ganzen Kohle- und Atomkraftwerke wirklich nicht mehr. 

Irgendwann biegen wir ab und halten vor einer alten Scheune und einem geräumigen Haus mit großem Garten. "Sie haben ihr Ziel erreicht", gart die Frau aus dem Navigationssystem. Während der Vermieter uns begrüßt und in das kleine Zimmer unter dem Dach geleitet, überlege ich krampfhaft, an welchen Schauspieler er mich erinnert. Für 46 € hätte ich zumindest ein Badezimmer erwartet. Nein, Gemeinschaftsbad. Wundervoll. Ein Franzose mit dickem Wagen, der einzige Gast außer uns, hat mir ein paar schwarze Haare auf dem Grund der Dusche zurückgelassen, so als kleines Suprise wahrscheinlich. Merci beaucoup, du haariger Wichser! 

Das Zimmer ist schrecklich aufgeheizt, aber der Schlaf erwischt mich bereits kurz nachdem ich mich hingelegt habe.

So, das war der erste Teil der Leuchttumtagebücher. Morgen geht's weiter!

A.



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Kommentare:

  1. Dubai ist super. Zwar paar Euro teurer, aber definitiv eine Reise wert!! ;)

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  2. Neben dem - wie immer - sehr stimmungsvollen Text mag ich auch die Fotos sehr.
    Sagt eine von Trillionen dämlichen Hobbyfotografinnen,
    die ständig mit ihrer Spiegel-Reflex (vom Urlaubsgeld) Baumrinde und anderes aus einem Abstand von einem Zentimeter fotografiert. Vielleicht sollte ich mir ein paar Idiotenfreunde bei Facebook anschaffen...
    Ach ja, und Kippen in die Gegend schnippen sollte nicht unter ziemlich viel Euro bestraft werden.

    Herzlichst
    Madame

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    1. Du warst damit nicht gemeint! Deine Fotos sind schön und ehrlich. Kippen wegschnipsen ist legitim! Die sind doch biologisch abbaubar - wie Tempos.

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    2. Aber (vielleicht) auch nur, wenn Du filterlos rauchst. Was aber noch nicht verhindert, das Tiere die Kippen fressen.
      So, genug gemoppert...

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  3. Wow,du hast eine Art zu schreiben, die einen umhaut!

    Wirklich tolle Idee mit den Leuchttürmen- möchte auch Mal welche sehen :)

    Und DANKE für das riesen Kompliment!

    lg Mimi

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